Der Zerstörer


Da steht sie nun mit dem Rücken zu mir: ein kleines Häufchen Elend mit nach unten hängenden Schultern. An ihrem Leib trägt sie nichts außer zerrissenen Fetzen. Sie zittert am ganzen Körper und bringt nur ein leises Jaulen hervor, das sich anhört wie das klägliche Winseln eines Welpen, dem man auf den Schwanz getreten ist. Es ist eine unerträgliche Situation. Irgendwo im Hintergrund nehme ich ein klapperndes Geräusch wahr, wie etwas, was immer und immer wieder gegen irgendwas stößt. Der Anblick dieser jungen schätzungsweise Anfang 30-jährigen Frau lässt mich erschaudern.

Die Nachbarn haben mich auf dieses Drama aufmerksam gemacht. Sie haben Schreie gehört und schließlich die Nachbarin auf dem Fenstervorsprung ihrer, im fünften Stock liegenden, Wohnung entdeckt. Nachdem niemand die Tür aufgemacht hat, musste ich gewaltsam in die Wohnung der jungen Dame eindringen. Da ich speziell für solche Fälle ausgebildet bin, stehe ich nun alleine mit der Betroffenen in ihrem Zimmer, während unten ein Großaufgebot an Feuerwehr und Polizei bereit steht. Im Gepäck habe ich ein einziges Ziel: das Leben dieser Frau zu retten. Sie davor zu bewahren, eine große, nicht mehr rückgängig zu machende Dummheit zu begehen. Doch, ich kann mir nur ausmalen, was diese Frau hat durchmachen müssen, um so weit zu gehen. Ich habe schon so viele Schicksale erlebt, dass ich mich immer wieder frage, wie wir uns nur anmaßen können, was richtig und was falsch ist. Manche Menschen, die so weit gehen und sich selbst das Leben nehmen möchten, haben so unendlich viel zuvor durchgemacht, dass ein normales Leben, trotz jahrelanger therapeutischer Behandlung, gar nicht mehr möglich ist. Dann folgen manchmal Drogen, der totale soziale Absturz und schließlich auch noch ein früher Tod, einsam und zerstochen auf der Bahnhofstoilette.

„Hallo“ versuche ich mich vorsichtig an die wohl hundertste verzweifelte Dame in meiner Karriere als Polizeipsychologin, heranzuwagen. Nichts passiert. Nicht mal ein Zucken. Ich nähere mich ihr weiter, während ich jeden meiner Schritte verbal erläutere, damit sie nicht erschrickt, wenn ich plötzlich neben oder direkt hinter ihr stehe und womöglich noch aus Versehen aus dem Fenster fliegt. Mit jedem meiner Schritte wird das Jaulen der Frau lauter und deutlicher. Es ist so berührend, dass es mir einen Schauer über meinen gesamten Körper jagt. „Frau Stiefeln, mein Name ist Elisabetta Assurdo. Ich bin Polizeipsychologin. Ihre Nachbarn haben mich gerufen, nachdem sie Schreie gehört haben. Möchten Sie mir erzählen, was hier vorgefallen ist?“ Ich frage mich jedes Mal, ob ich das wissen möchte. Meistens sind die erlebten Geschichten so grausam, dass auch ich schlaflose Nächte habe. Wenn ich mich rechts und links umsehe, könnte man meinen, ich stehe mitten auf einem Schlachtfeld. Vielleicht ein Raub…aber da muss noch mehr sein. Frau Stiefeln sah furchtbar aus mit ihren zerrissenen Kleidern…womöglich eine Vergewaltigung…oder ein gewalttätiger Partner. Während ich zu meinem nächsten Satz ansetzen möchte, geschieht etwas Merkwürdiges. Das Winseln findet ein jähes Ende und Frau Stiefeln dreht ihren Kopf ganz langsam in meine Richtung. Mit verquollenen Augen und einem durch Make-Up und Wimperntusche verschmierten Gesicht fixiert mich die junge Frau. Die durch den unaufhaltsamen Tränenstrom blutunterlaufenen Augen spiegeln sicherlich nur einen Teil von dem wieder, was sie durchgemacht haben muss. Ich zucke zusammen bei diesem Anblick und empfinde großes Mitgefühl für die Frau, die doch eigentlich noch ihr gesamtes Leben vor sich hat, doch wohl nie wieder Unbeschwertheit oder Leichtigkeit empfinden wird, sollte sie das hier überhaupt überleben. Sie bewegt ihre Lippen. Doch außer unverständlichen Geräuschen kann ich leider nichts verstehen.

„Bitte versuchen Sie sich zu beruhigen, Frau Stiefeln. Ich kann sie sonst nicht verstehen. Es wird alles gut werden. Erzählen Sie mir ganz in Ruhe, was Ihnen zugestoßen ist.“ Als wäre das ihr Stichwort gewesen, bricht es mit einem Mal aus ihr heraus „Wie konnte er mir das nur antun?“ „Wie konnte er mir das nur antun?“ „Wie konnte er mir das nur antun?“. Immer und immer wieder die gleiche Frage mit sieben scheinbar unbedeutenden Worten voller Leidenskraft und Unheil. „Wer, Frau Stiefeln? Wer hat Ihnen was angetan?“ „Er, der mieseste, dreckigste, kleinste Müllschlucker.“ OK, vermutlich sprach sie von einem Ex-Partner, also ein Gewaltverbrechen mitten aus dem privaten Umfeld. So was erlebte ich ja häufiger. Die meisten Täter stammten in so einem Fall aus dem engen Umkreis, was es für die Betroffenen nachher umso schwerer machte, jemals wieder Vertrauen aufzubauen. „Frau Stiefeln, möchten Sie nicht erstmal von Ihrer Fensterbank runterkommen und sich zu mir setzen. Dann sprechen wir in Ruhe über alles.“ Sie scheint ein wenig zu überlegen, bis sie schließlich mit zittrigen Fingern meine ihr dargebotene Hand berührt. Erst jetzt sehe ich, dass sich in ihrer fest zusammengepressten Faust etwas glitzerndes, schimmerndes befindet. Oh Gott, hoffentlich kein Messer. Ich helfe Frau Stiefeln vom Fensterbrett herunter, setze sie auf das Sofa und drücke blitzartig auf die Pulsadern ihrer geschlossenen Faust, so dass diese sich für einen Bruchteil durch einen automatischen Reflex öffnet. Bevor Frau Stiefeln reagieren konnte, schnappe ich mir das Inliegende aus ihrer Faust. Doch was ich nun zwischen meinen Fingern halte, erstaunt mich noch mehr, als dieser ganze Fall. Es war ein silberner Absatz eines Schuhs. Als ich Frau Stiefeln daraufhin fragend ansehe, sackt ihr Körper vor lauter Erschöpfung zusammen. Ich lege ihre Beine hoch auf das Sofa und decke sie mit einer wärmenden Wolldecke zu. Da drängt sich das klappernde Geräusch, das ich schon bei Betreten der Wohnung wahrgenommen habe, erneut in mein Bewusstsein. Da Frau Stiefeln einigermaßen beruhigt zu sein scheint, versuche ich herauszufinden, woher das Geräusch kommt.

Ich bewege mich in Richtung Flur, wo es immer deutlicher zu hören ist. Hinter einer kleinen Tür scheint sich etwas zu bewegen. Ich ziehe meine Pistole aus dem Halfter und reiße blitzschnell die kleine Tür auf, während ich rufe: „Polizei. Hände hoch!“ Doch in dem Raum, der sich als begehbarer Schuhschrank entpuppt, ist nichts außer einem kleinen runden Automatik-Mini-Staubsauger, der sich anscheinend so festgefahren hat, dass er immer und immer wieder gegen den Schuhschrank fährt. „Sehen Sie“, höre ich es hinter mir sagen. Ich zucke zusammen und sehe Frau Stiefeln, die sich irgendwie unbemerkt an mich herangeschlichen hat. „Was soll ich sehen?“ „Den kleinen dreckigen, miesen Müllschlucker.“ Ich folge der Richtung ihres ausgestreckten Zeigefingers und tatsächlich zeigt sie auf den kleinen Automatik-Staubsauger. „Das ist der Müllschlucker, von dem Sie vorhin gesprochen haben? Und der hat Ihnen was genau angetan? Ihnen die Kleider vom Leib gerissen, dieses Chaos verbreitet, Sie auf den Fenstersims getrieben, damit Sie Ihrem Leben ein Ende setzen?“ Mit großen erstaunten Augen schaut mich nun Frau Stiefeln an. „Schauen Sie doch in Ihrer Hand. Der Absatz ist das einzige Überbleibsel meines Manolo Blahnik Schuhs. ER, dieser kleine Bastard hat ihn gefressen, während ich einkaufen war. Wie konnte er mir das antun? Mir das Kostbarste nehmen, was ich auf der Welt habe?“ Ungläubig schaue ich diese junge Dame an „Aber, aber was ist mit Ihren Kleidern geschehen und mit diesem Schlachtfeld.“ „Ach so, das meinen Sie? Naja, das war ich. Ich bin durchgedreht, als ich das Drama gesehen habe, habe mir die Klamotten vom Leib gerissen und meine Wohnung verwüstet, um mich von dem unerträglichen Schmerz abzulenken. Doch es hat alles nichts geholfen, deshalb wollte ich dem Ganzen ein Ende setzen.“ „Sie wollten sich wegen eines SCHUHS das Leben nehmen? Sind Sie noch ganz dicht?“ „Ja, ich bin noch ganz dicht und wenn Sie das nicht verstehen, sind Sie wohl eher diejenige, die sich die Frage stellen sollte… .“ Während ich aus dem Staunen ob dieser Absurdität nicht herauskomme, dreht sich Frau Stiefeln um, rennt in die Küche, reißt das Fenster auf und springt aus dem Fenster.

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