Du bist schuld – Teil 11


Ellie war unheimlich froh, eine solche Freundin gefunden zu haben, mit der sie viel lachen und vor allem über wirklich alles sprechen konnte. Es fühlte sich so an, als hätte sie eine Seelenverwandte getroffen. Das machte sie umso glücklicher, da sie mit früheren Freundinnen nicht so viel Glück gehabt hatte. Immer wieder hatte sie sich mit Mädchen angefreundet, die bereits in Zweierkombinationen auftraten. Früher oder später wollte eine von beiden immer etwas dagegen unternehmen, dass diese Zweierkombination durch eine dritte Person erweitert wurde, wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand. Bei all den nachfolgenden Eifersüchteleien und Kämpfen zog Ellie jedes Mal den Kürzeren. Auch schon aus dem Grund, weil sie ein ehrlicher Mensch war, der keine Lust auf falsche Spielchen hatte. Somit war sie es sowieso gewohnt, alleine und unauffällig zu sein und es auch zu bleiben. Deshalb ging sie diesen vertrauten Weg einfach weiter.

Aber dieses Mal war es anders. Jetzt hatte sie eine Freundin, ohne dass jemand anderes eifersüchtig sein konnte und wieder dazwischen funken würde. Mit Marisa erlebte sie immer wieder neue lustige Dinge. Ständig probierten sie die neusten Diäten aus, die Marisa den Frauenzeitschriften ihrer Mutter entnahm. Begonnen hatten sie mit der Kohlsuppendiät. Doch da man davon Blähungen bekam, hatten sie sie schnell wieder beendet. Es folgte die Tomate-Mozzarella-Diät und schließlich die Alkoholfreies-Bier-Diät, bei der sie jedoch alle zehn Minuten zur Toilette rennen mussten und zudem ständig vor sich hin rülpsten. Als mal Carmen, eine andere sehr gute Freundin aus der Klasse, zu Besuch kam, war es Marisa und Ellie schrecklich peinlich, dass sie den ganzen Abend rülpsen mussten. Danach beschlossen sie, auch diese Form von Diät wieder ad acta zu legen.

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Du bist schuld – Teil 10


An einem Abend unter der Woche saß sie mit Marisa bei gemütlichem Kerzenschein in ihrer Küche. Sie hörten Musik, tranken Wein und quatschten, als es an Ellies Tür klingelte. „Wer ist das denn?“, fragte Marisa. Schnell sprang Ellie auf, öffnete ihre Balkontür und schaute unauffällig nach unten. Das, was sie sah, konnte sie jedoch nicht glauben. Mit dem Zeigefinger vor ihrem Mund drehte sie sich zu Marisa um und winkte sie zu sich. Auch diese machte ein erstauntes Gesicht, als sie erkannte, wer da unten vor der Tür stand.
„Willst du nicht aufmachen?“, fragte Marisa flüsternd. Sie schüttelte ihren Kopf und sagte: „Auf gar keinen Fall. Komm, wir gehen wieder rein, aber leise.“ Ellie schloss die Balkontür lautlos und pustete die Kerze auf ihrem Tisch aus. Damit wollte sie verhindern, dass er den Kerzenschein von unten aus sah. Die beiden Mädchen saßen sich mucksmäuschenstill gegenüber, während das zweite Klingeln ertönte. Eine Minute später hörten sie den lauten Motor von Maurizios altem Opel und das Geräusch seines wegfahrenden Autos. Ellie atmete laut auf.
„Puuuh, was will der denn jetzt von mir?“
„Hättest du aufgemacht, wüsstest du es jetzt“, gab Marisa grinsend zurück.
„Ja, ja, schon klar, aber was soll ich mit dem hier in der Wohnung? Das wäre doch nur peinlich. Guck mal, wie ich aussehe in meiner Jogginghose, und dann haben wir auch noch wieder einmal kiloweise Knoblauchpizza in uns reingestopft. Was meinst du wohl, wie es hier stinkt und wie wir riechen?“ Marisa zog mit einem verschwörerischen Grinsen ihre Augenbrauen hoch, lachte und sagte: „Na dann lass uns mal lieber in unserer trauten Zweisamkeit bleiben und einen Schluck Wein trinken.“

Du bist schuld – Teil 9


15 Jahre vor der Schuld
Bernkastel-Kues:

Ellie und Marisa verbrachten jede freie Minute miteinander. Sie waren wie Pech und Schwefel und die allerbesten Freundinnen. Stundenlang quatschten sie und lachten gemeinsam. Sie mochten die gleiche Musik und schauten die gleichen Fernsehserien. Jeden Tag unter der Woche waren sie zusammen. Selbst die Abende und Nächte verbrachten sie gemeinsam. Nur an den Wochenenden war Marisa nicht da, da sie ihren Freund zu Hause besuchte. Ellie hatte sich schon vor Wochen von ihrem Partner getrennt und blieb deshalb an den Wochenenden an ihrem neuen, schönen Ort an der Mosel. Sie liebte die Zeit dort. Die Gegend war wunderschön. Bernkastel-Kues lag in einem Tal, das umgeben war von grünen Weinbergen, und in der Mitte des alten und neuen Ortsteiles floss die Mosel durch. Die kleinen, verwinkelten Gässchen mit den schrägen Fachwerk-Spitzhäuschen ließen die Stadt wirken wie aus einem Märchen entsprungen. Verschroben, etwas schräg, lustig und geheimnisvoll, so wie ihre Bewohner es waren. Die Luft war so herrlich klar und frisch, vor allem morgens, wenn der Nebel noch über dem Tal lag. Meist gelangte erst gegen Mittag ein Sonnenstrahl durch die Nebeldecke und ersetzte diese durch einen blauen Himmel.

Ellie jobbte manchmal auf einem der Ausflugsschiffe, die tagtäglich die angereisten Kegel- oder Sängerknabenclubs über die Mosel schipperten. Das Gute an den Clubs war, dass sie bei diesen Fahrten immer besonders viel Trinkgeld einheimste. Dort floss der gute Moselaner Wein nur so in Strömen, und es wurde laut gesungen. Zumeist machte irgendeiner der Clubanhänger kurz vor dem Anlegen eine Durchsage und ging mit seinem Hut herum, um Trinkgeld für die „schöne Dame“ hinter dem Tresen einzusammeln. Und mit so viel Alkohol im Blut wurden die Menschen großzügig, so dass sie dort ein richtig gutes Geschäft machte.

Du bist schuld – Teil 8


Zwei Tage nach der Schuld
Wangerooge:

Wieder wachte sie in diesem unbekannten Zimmer auf. Doch dieses Mal war es anders. Sie erschrak, als sie den Mann vom Vortag auf dem weißen Stuhl sitzen sah. Dieses Mal hatte sie mehr Zeit, ihn genauer zu betrachten. Er war schätzungsweise Mitte sechzig, hatte kurzes, dunkles Haar mit grauen Strähnen und einen Vollbart. Auf seiner Nase trug er eine neongrüne Brille, die seinem Alter nicht entsprach. Es schien, als würde er damit zeigen wollen, dass noch etwas anderes in ihm schlummerte. Vielleicht eine Art jugendlicher Ehrgeiz. Seine Stirn zog tiefe Furchen, und seine dunkelgrünen Augen schienen zu leuchten. Er war nicht gerade schlank, wirkte dadurch aber auch irgendwie beruhigend auf Ellie, auch wenn die ganze Situation eher unberuhigend für sie war.

Der Mann lächelte sie an und begann mit ruhiger tiefer Stimme zu sprechen. „Wie geht es Ihnen?“
„Ich, ich …“ Ihre Stimme versagte. Dann versuchte sie es erneut. „Ich weiß nicht so genau. Wo bin ich hier und wer sind Sie?“
„Entschuldigen Sie, wie unfreundlich von mir.“ Er stand auf und kam auf sie zu. Während er sich auf ihre Bettkante setzte, fügte er lächelnd hinzu: „Professor Münch ist mein Name. Sie sind seit zwei Tagen bei uns.“ Erschrocken fuhr ihr Oberkörper hoch, doch dieser wurde durch einen Widerstand an ihren Armen zurückgezogen. Als sie mit ihrem Kopf auf dem Kissen aufprallte, bemerkte sie erst, dass dieses Mal ihre Hände an das Bett gefesselt waren. Ellie schrie und versuchte sich zu befreien, schlug mit den Beinen immer wieder auf das Bett ein.
„Binden Sie mich los! Wo bin ich hier? Das ist Freiheitsberaubung. Lassen Sie mich los, Sie verdammter Mistkerl! Das ist bestimmt nicht erlaubt!“ Während sie schrie, weinte und an den Fesseln riss, bemerkte sie nicht, wie sich ihr von hinten eine andere Person näherte und ihr erneut eine Spritze verabreichte. Daraufhin folgte noch ein kurzes Zucken ihrer Beine, bis sie schließlich erneut in einen tiefen Schlaf fiel.

Du bist schuld – Teil 7


15 Jahre vor der Schuld
Bernkastel-Kues:

Seine strahlend blauen Augen waren das Erste, was ihr auffiel. Er hatte sich sein Bein gebrochen und schaffte es nicht alleine, die Klassenzimmertür aufzuhalten und mit seinen Krücken durchzugehen. Eine Haarsträhne flog ihm dabei von seinem dicht bewachsenen Lockenkopf ins Auge, so dass er sie wegpusten musste. Da Ellie meistens sehr aufmerksam durchs Leben ging, eilte sie ihm sofort zu Hilfe und hielt ihm die Tür auf. Doch er bedankte sich nicht einmal. „Was für ein ungehobelter, schlecht erzogener Kerl“, dachte sie sich. „Der ist wohl zu schön für diese Welt, so ein Macho. Hoffentlich sind die hier nicht alle so. Sonst werde ich wohl keinen Spaß haben.“

Der „ungehobelte Kerl“ hieß Maurizio, der mit seinen 2,02 Metern ganz schön groß war für einen Italiener. In seinen tiefschwarzen Locken hätten sich Vögel ein Nest bauen können, so wild wuchsen sie auf seinem Kopf. Optisch ein absolutes Highlight und der eindeutig schönste Mann aus Ellies Klasse.

Einige Tage später – ihre Ausbildung war in vollem Gange – konnte sie sich kaum mehr aus seinem Bann befreien. Zu seiner Schönheit offenbarte er doch noch einige nette Charakterzüge: denn er war charmant, offenherzig und humorvoll. Doch Ellie erinnerte sich noch zu gut an den ersten Tag und hatte ihm diesen Stempel, auf dem „undankbar und arrogant“ stand, auf die Stirn geklebt. Sie versuchte, ihm nicht zu viel Aufmerksamkeit zu schenken oder Interesse an ihm zu zeigen, indem sie ihm immer wieder vor versammelter Mannschaft einen frechen Spruch auf seine Kosten reindrückte. Schlagfertig war Ellie schon immer gewesen. Und wenn jemand so gut reagieren konnte wie Maurizio, fand sie großen Gefallen an dieser Art von Schlagabtausch. Wie sagte man so schön: „Was sich neckt, das liebt sich.“ Auch wenn Ellie es sich nicht eingestehen wollte, fand sie Maurizio eigentlich ziemlich nett und lustig.

Während eines Tagesausflugs mit der Klasse nahm sie all ihren Mut zusammen und setzte sich auf der Rückfahrt neben ihn. Die beiden unterhielten sich das erste Mal richtig, zwar mit dem ein oder anderen neckischen Scherz auf den Lippen, aber alles in allem führten sie ein sehr freundschaftliches, offenes und ehrliches Gespräch über Freunde, Familie und Ansichten. Sie verstanden sich richtig gut. Und das sollte alles verändern. Das, was Ellie schon seit einiger Zeit zu unterdrücken versuchte, stieg ihr nun mit voller Deutlichkeit ins Bewusstsein….

In dieser Nacht konnte sie kaum schlafen. Ab dem nächsten Tag unterhielt sie sich in jeder freien Minute mit Maurizio. Die Scherze auf Kosten des anderen wurden auch immer seltener. Sie freundeten sich an.

Du bist schuld – Teil 6


Ein Tag nach der Schuld
Wangerooge:

Mit einem leichten Quietschen ließ sich die Tür öffnen. Vor Ellie lag ein langer, weißer Flur mit weiteren weißen, verschlossenen Türen. „Sieht ja fast so aus wie in einem Krankenhaus, so steril und einfarbig wie das hier ist“, dachte sie sich und ging den Flur entlang, weiter geradeaus bis zu einer Tür, die nur angelehnt war und aus dessen dahinterliegendem Zimmer Stimmengewirr erklang. Da sie erneut Schwindel überkam und sie ein Tinnitus-ähnliches Pfeifen in ihren Ohren vernahm, blieb sie kurz stehen. Sie stützte sich an der Wand ab, bis sie schließlich so weit war, sich wieder fortzubewegen.

Als sie vor der Tür ankam, vernahm sie die Stimmen deutlicher. Einen Moment lang hielt sie inne und begann zu lauschen. Es waren nur Wortfetzen zu hören, doch das, was sie verstand, ließ sie erschaudern: „Vermisster … Maurizio di Tauro … Ehepaar … Suizid … Junge Frau …“. Sie stürzte ins Zimmer, in dem das Gespräch sofort verstummte, und schrie: „Was zum Teufel ist hier los?“ Ein älterer Mann und eine blonde, ausgemergelte Frau in weißen Kitteln drehten sich erschrocken zu ihr um und starrten sie mit Entsetzen in den Augen an. Ellie sah, wie die Dame aufstand und auf sie zukam. Diese war erstaunlich groß für eine Frau. Ihr dürrer Körper wurde dadurch noch mehr betont. Zu spät bemerkte Ellie die Spritze in der Hand der Frau, die sagte: „Bitte beruhigen Sie sich.“ Sie schaffte es nicht mehr, sich rechtzeitig wegzudrehen. Stattdessen spürte sie einen Stich in den Hals. Kurz danach fiel sie um.

Du bist schuld – Teil 5


Ellie war zu der Zeit 19 Jahre alt, hatte mittellanges, dunkelblondes Haar, trug alte Schlaghosen und weite Pullis. Sie war zurückhaltend und fiel nicht weiter auf. Zwar war sie nicht hässlich, aber irgendwie schien sie sich nichts aus Äußerlichkeiten zu machen. Die einzige Schminke, die sie trug, war Wimperntusche, aber jedes Mal, nachdem sie diese auf ihre Wimpern aufgetragen hatte, war sie verschmiert, manchmal unter, manchmal über dem Auge. An manchen Tagen schaffte sie es sogar ober- und unterhalb des Auges. Aber das alles schien ihr nichts auszumachen.

Das Schöne war, dass die Schule am ersten Abend gleich ein Kennenlern-Grillevent auf einer Hütte in den Weinbergen organisiert hatte. Dort konnten sich die Schüler untereinander besser kennenlernen und in lockerer Atmosphäre ihre zukünftigen Lehrer und vor allem Mitschüler begutachten. Ellie war wahnsinnig aufgeregt und zog sich viermal um, bevor sie das passende Wohlfühloutfit gefunden hatte, was so gar nicht ihrem Charakter entsprach. Sie wunderte sich schon, ob es eine erste Wesensänderung implizierte, dass sie sich so häufig umgezogen hatte. Bei dem Gedanken schmunzelte sie, zuckte mit den Schultern und dachte sich: „Vielleicht gehört das ganz einfach zum Erwachsenwerden dazu.“
Die erste Stunde des Grillens saß sie an einem Tisch mit anderen Mitschülern und hoffte, dass man ihr ihre Nervosität nicht ansah. Als sie kurz aufstand, um sich etwas zum Essen zu holen, sprach sie ein wildfremdes Mädchen an. „Du bist doch Ellie Sommer, oder?“ Erstaunt sah Ellie das Mädchen an. Sie war ein wenig kleiner als sie selbst, hatte ein tolles natürliches Lächeln auf ihrem Gesicht und eine solch fesselnde Ausstrahlung, dass Ellie sie vom ersten Moment an mochte. Mit ihren wild durcheinander fliegenden roten Locken wirkte sie verrückt und lustig zugleich. „Ja“, sagte sie mit fragendem Ton zu dem Mädchen. „Cool“, sagte das Mädchen, das sich kurz darauf als Marisa Weller vorstellte und ihr daraufhin erzählte, weshalb sie wusste, wer sie war. Marisa hatte eine Lehrerin gehabt, die eine Freundin von Ellies Eltern war. Als Marisa im Unterricht erzählt hatte, was sie nach dem Abitur machen würde, hatte die Lehrerin ihr sofort von der Tochter ihrer Freunde erzählt. Schon im Vorfeld hatte sie ihr versichert, dass sie sich ganz sicher sehr gut mit dieser verstehen würde. Und tatsächlich sollte sie damit Recht behalten. Bei den beiden jungen Mädchen war es wie Liebe auf den ersten Blick. Den gesamten Grillabend verbrachten sie zusammen, redeten und lachten unaufhörlich, ohne auch nur irgendjemand anderen wahrzunehmen. Sie hatten gegenseitig ihren Zwilling in der anderen gefunden. Es gab keine Grenze und kein Unbehagen zwischen ihnen.

Am nächsten Tag setzten sich Ellie und Marisa gemeinsam an einen Tisch in der Schule, als Ellie eine ganz andere Art der ersten Begegnung machte….