Du bist schuld – Teil 24


Drei Tage nach der Schuld
Wangerooge:

Sie wurde von wunderbar klingendem Vogelgezwitscher geweckt. Für einen kurzen Moment dachte sie, sie wäre in ihrer Wohnung aufgewacht und hätte nur einen schlimmen Alptraum gehabt. Doch dann bemerkte sie ihren Irrtum. Immerhin wachte sie dieses Mal ohne Kopfschmerzen auf. Beim Öffnen der Augen waren sie wieder so sehr von der Helligkeit des Zimmers angestrengt, dass sie sie erst nach einer Minute ganz öffnen konnte. Am Fußende ihres Bettes saß die Frau, die sie das letzte Mal mit dem Professor gesehen hatte. Ellie erschrak. Ihr erster Impuls war zu schreien. Aber sie zwang sich zur Ruhe. Die Dame lächelte sie an. Ihre Wangenknochen zeichneten sich durch die dünne Hautschicht ab. Sie war so dünn, dass ihr Gesicht einem Totenkopf glich. Dann begann sie zu sprechen.
„Guten Morgen. Mein Name ist Schwester Heidi. Sie haben doch sicher Hunger. Wenn Sie brav sind und nicht wieder schreien, nehme ich Sie jetzt mit in den Frühstückssaal. Danach wird der Professor mit Ihnen sprechen. Ich bin mir sicher, dass sich dann einige Fragen Ihrerseits klären werden. Also, darf ich Sie nun losbinden, ohne dass Sie mir Scherereien machen?“ Ellie brachte kein Wort heraus und nickte stattdessen nur. Schwester Heidi schenkte ihr ein herzliches Lächeln und sagte: „Wunderbar!“, während sie einen silbern glänzenden Schlüssel aus ihrem Kittel zog und die Handfesseln aufschloss. Dann half sie ihr hoch und stützte sie auf dem Weg zum Frühstückssaal. Das viele Liegen und die Medikamente in ihrem Blut hatten sie so geschwächt, dass sie kaum mehr alleine gehen konnte. Als sie den Saal betraten, sah Ellie ein Dutzend andere Personen. Sie alle trugen, egal ob männlich oder weiblich, den gleichen hellblau-weiß gestreiften Pyjama wie sie selbst. Die ganze Situation war absolut surreal. Jeder einzelne  sah aus wie ein Gefängnisinsasse.
„Oh nein“, schoss es ihr durch den Kopf. „Bin ich etwa im Gefängnis gelandet? Aber warum? Das macht doch keinen Sinn. Außerdem wäre doch dann meine Zimmertür nicht offen gewesen. Ich hab doch auch nichts getan. Oder kann ich mich einfach nicht mehr erinnern? Nein das glaube ich nicht. Es muss etwas anderes sein.“

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Du bist schuld – Teil 23


14 Jahre vor der Schuld
Bernkastel-Kues:

Sie tanzte in ihrem bunten Kleid durch den Sommerregen, als er sie plötzlich am Handgelenk festhielt und sie zu sich zog. Er zog sie fest in seine Arme und schaute sie auf eine Weise an, wie er es noch nie zuvor getan hatte.
„Ich liebe dich, Ellie. Ich liebe dich so sehr wie noch nie einen Menschen zuvor. Du bist ich und ich bin du.“ Dann küsste er sie. Und in dem Augenblick wurde ihr klar: das hier war dieser unglaubliche eine Moment in ihrem Leben, den sie nie vergessen würde. Sie wusste es jetzt ganz genau. Geahnt hatte sie es schon länger. Er war ihre große Liebe, und sie würde alles für ihn tun. Und zugleich ahnte sie, dass es nicht nur der glücklichste, sondern auch der schrecklichste Moment ihres Lebens sein könnte. Denn sie würde alles geben, nur um diesen Mann halten zu können. Solange, bis sie an dieser Liebe zugrunde gehen würde. Dieser Gedanke ließ sie zusammenzucken, er kam so unvermittelt, dass sie ihn überhaupt nicht einordnen konnte. Der Klang eines Donners riss sie jedoch wieder aus ihren düsteren Gedanken heraus und brachte sie zurück in die Realität, zu sich und ihrem Maurizio. Aus dem anfänglichen leichten Sommerregen hatte sich ein starkes Gewitter entwickelt, während sie sich minutenlang küssten. Sie nahm alles mit dreifacher Intensität auf, die Geräusche des auf den Boden aufprasselnden Schauers, den unverwechselbaren Geruch des Regens, seine Lippen, ihre Liebe. Ihr ganzer Körper zitterte. Nur ihr Unterbewusstsein erlaubte sich einen weiteren Gedanken: Wie furchtbar war es doch zu wissen, dass sie mit diesem Mann auch durch die Hölle gehen würde, nur um mit ihm glücklich sein zu können. Ein Paradoxon des Lebens: „Leide, und du wirst belohnt.“ Was auch immer das zu bedeuten hatte … Doch ihr Bewusstsein ließ dieses Denken nicht weiter zu, zu schön war dieser eine Moment, den es so nicht ein zweites Mal geben würde.

Du bist schuld – Teil 22


Zwei Tage nach der Schuld
Wangerooge:

Wieder erwachte sie mit brummendem Schädel. Jetzt war sie sich sicher, dass sie nicht zu viel getrunken hatte, sondern dass es an dem Zeug lag, was sie ihr spritzten. Was auch immer das war, es war unendlich stark und wirkte sekundenschnell. Sie hatte noch versucht, sich zu wehren, als sie den Schatten der Frau aus dem Augenwinkel bemerkt hatte. Doch da spürte sie auch schon den Stich in ihrer Haut. Danach war sie innerhalb von wenigen Sekunden weggetreten.

Dieses Mal saß keiner in ihrem Zimmer. Sofort überprüfte sie ihre Hände, doch sie war noch immer an ihr Bett gefesselt. Zudem fühlte sie sich so benebelt, dass sie kaum einen klaren Gedanken fassen konnte.
„Wo, verdammt nochmal, bin ich hier?“
Draußen ging wohl gerade die Sonne unter. Durch das Oberlicht schien ein leicht orangefarbener Ton, und das Zimmer wurde immer mehr von der Abenddämmerung eingenommen. Dieses Mal wollte sie erst mal nachdenken, was geschehen war und warum man sie hier festhielt.
„Denk nach, Ellie“, sagte sie zu sich selbst. Am liebsten hätte sie gleich wieder angefangen zu schreien. Aber sie wusste, dass man ihr dann erneut dieses starke Beruhigungsmittel spritzen würde. Auf diese Art und Weise würde sie kein Stück weiterkommen und vor allem auch nicht hier heraus. „Also, konzentrier dich! Was ist geschehen?“ Ihr kam ein Gedanke in den Sinn, der sie zutiefst erschaudern ließ. Doch bevor sie diesen zu Ende denken konnte, zog sie erneut eine viel stärkere innere Kraft in einen weiteren tiefen Schlaf.

Du bist schuld – Teil 21


Der Abend verlief anders, als Ellie es erwartet hatte. Nachdem sie die ganze Geschichte erzählt hatte, antwortete Carmen: „Das überrascht mich jetzt nicht. Ehrlich gesagt habe ich damit schon gerechnet. Das sieht ja nun jeder, was zwischen euch läuft.“ Dabei blieb sie, sehr zum Erstaunen Ellies, vollkommen ruhig. Es gab keine Schreie, Vorwürfe oder Tränen und auch keine verbitterte Freundschaftskündigung. Carmens Reaktion imponierte ihr, und sie merkte, wie schön es war, endlich richtige Freundinnen zu haben, die so schnell nichts erschüttern oder auseinanderbringen konnte.

In dieser Nacht wurde ihr klar, wie sehr sie Maurizio begehrte und dass sie schon seit Langem mit ihm zusammen sein wollte, es aber die ganze Zeit wegen all der äußeren Einflüsse nicht zulassen konnte. Doch jetzt fühlte sie sich frei, frei von ihrem ehemaligen Leben und auch befreit vom schlechten Gewissen gegenüber Carmen. Natürlich war ihre Freundin auch ein wenig traurig gewesen, aber Ellie wusste, dass Carmen eine lebensfrohe junge Frau war. Sie würde schnell darüber hinwegkommen. Und Maurizio? Ja, der schien wirklich an ihr interessiert zu sein, sonst würde er sich nicht schon seit Wochen so sehr um sie bemühen. Ihre Entscheidung stand fest: sie und Maurizio würden ein Paar sein. Dieser wahre Schönling, der immer gut gekleidet war, die schönsten blauen Augen hatte und dessen dunkelschwarze lockige Haare im Wind wehten. Er, der das Gegenteil von zurückhaltend war. Ellie schmunzelte bei dem Gedanken daran, dass sie beide unterschiedlicher nicht sein könnten. Ein Mann, der sehr auf sein Äußeres achtete, und die Frau, die eher unauffällig durchs Leben ging. Der Selbstbewusste, und sie, die viel zu wenig Selbstvertrauen besaß. Aber er sah sie und fand sie dabei unfassbar schön. Zum allerersten Mal in ihrem Leben wurde sie richtig gesehen. Sie würde Maurizio lieben und das nicht mehr heimlich, sondern in aller Öffentlichkeit. Und sie würde es genießen, so wie ihr neues perfektes Leben an diesem schönen Ort an der Mosel, der ihr schon so viel Glück gebracht hatte.

Du bist schuld – Teil 20


Eine Woche später kehrte Ellie wieder zurück in das beschauliche Örtchen an der Mosel. Mittlerweile hatte sie Bernkastel-Kues so lieb gewonnen, dass sie schon auf der Fahrt dorthin ein aufregendes Grummeln im Bauch verspürte. Oder lag es vielleicht daran, dass sie bald Maurizio wiedersehen würde?

An einem Mittwochnachmittag hatten sie mal wieder Koch-und-Service-Unterricht. Die eine Hälfte der Klasse kochte und die andere war für den Service zuständig. An diesem Mittwoch waren Ellie und Maurizio ins Küchenteam eingeteilt. Sie ging zu den Kühlfächern, um das Fleisch für das Mittagessen zu holen. Doch als sie gerade den Griff des Kühlhauses herunterdrücken wollte, wurde sie von hinten gepackt und herumgerissen. Es war Maurizio, der sie schließlich fest gegen die Tür drückte und leidenschaftlich küsste. Dabei küssten sie sich so wild, dass ihnen sogar die Kochmützen vom Kopf fielen. Doch dann hörte Ellie ein Geräusch aus der Ecke. Als sie die Augen aufmachte, sah sie eine Klassenkameradin, die sie beide mit offenem Mund anstarrte. Schnell drehte sich diese um und ging zurück zu den anderen aus der Klasse. „Jetzt werden es alle erfahren“, schoss es Ellie durch den Kopf. „Ach, herrjeh, Carmen!“ Mit diesem Gedanken löste sie sich von Maurizio, schnappte sich Marisa und erzählte ihr von dem soeben Geschehenen. „Ich muss es noch heute Carmen beichten, bevor sie es von jemand anderem erfährt. Und du musst dabei sein. Bitte!“ Schnell lud sie ihre Freundin für den Abend zu sich nach Hause ein und blieb den gesamten Nachmittag an ihrer Seite, damit ihr niemand zuvorkommen und bereits vorher von dem Kuss mit Maurizio berichten konnte.

Du bist schuld – Teil 19


Der weitere Abend war furchtbar. Keiner sagte etwas, so dass Maurizio sie bald wieder verließ. Voller Erleichterung darüber und in der Gewissheit, dass er nun sowieso kein Interesse mehr an ihr haben würde, beschloss Ellie, nach der Beerdigung nicht direkt an die Mosel zurückzukehren, sondern einen Freund in Bonn zu besuchen, um so ein wenig Abstand von allem zu bekommen.

Da Ellie Maurizio nichts von dem Tod ihres Opas erzählt hatte, erfuhr er erst einige Tage später davon, als er Marisa fragte, wo ihre Freundin sei. Doch als diese auch zwei weitere Tage nicht in der Schule erschien, rief er sie auf ihrem Handy an, um zu fragen, wie es ihr ginge und wo sie sei.
„Ich besuche gemeinsam mit einer Freundin einen Freund, der in Bonn in einer Jugendherberge arbeitet. Vermutlich bleibe ich auch noch eine Woche, weiß es aber nicht genau.“ Maurizio wirkte enttäuscht, dass sie ihm weder von dem Todesfall noch von ihren sonstigen Plänen erzählt hatte. Aber er schien auch eifersüchtig zu sein, denn er erkundigte sich ganz genau nach dem Freund dem sie gerade einen Besuch abstattete.
„Wie gut ist denn dieser gute Freund“, fragte er.
„Sehr gut, er ist quasi mein bester Freund.“
„Hmmm, okay, und wo schlaft ihr da?“
„Na ja, in der Jugendherberge, in der er arbeitet.“
„Nein, ich meine nicht das. Also, ich wollte wissen, ähm, schlaft ihr etwa in einem Zimmer?“
Sie grinste vor sich hin und antwortete: „Nein, ich schlafe mit meiner Freundin auf einem Zimmer.“
Ab diesem Tag rief Maurizio jeden Tag an, immer mit der gleichen Frage: „Wann kommst du denn endlich wieder?“ Ellie wunderte sich, dass er das Interesse nach diesem furchtbar peinlichen Abend bei ihr nicht verloren zu haben schien. Eher im Gegenteil. Es wirkte fast so, als hätte er immer mehr Interesse an ihr, je mehr sie sich zurückzog.
„Naja, das ist wohl dem Jagdinstinkt des Mannes geschuldet“, dachte sie sich.

Du bist schuld – Teil 18


Circa zwei Wochen nach dem Kuss bekam Ellie einen Anruf ihrer Eltern, dass ihr Opa gestorben sei. Sie hatte zwar kein besonders enges Verhältnis zu ihm, war aber dennoch froh, dass auch an diesem Abend Marisa zu Besuch war und sie sich an ihrem Küchentisch über das Leben und den damit verbundenen Tod austauschen konnten. Als es an der Tür klingelte, war es zu spät, das Licht zu löschen. Beide waren so vertieft in ihr Gespräch gewesen, dass sie den Lärm des alten Autos von Maurizio dieses Mal nicht gehört hatten. Nun musste sie die Tür öffnen. Sie sah furchtbar aus. Nicht nur, weil sie vom Tod ihres Opas erfahren hatte, sondern auch, weil sie wieder einmal krank war. Da Marisa überzeigt war, Ellie müsste das Fieber und die Erkältung ausschwitzen, trug sie in ihrer Wohnung eine Mütze, einen Schal und mehrere Joggingklamotten übereinander. Ihre Wimperntusche war verschmiert und ihr Gesicht nass geschwitzt und errötet von dem Dampfbad, das sie bis vor einer Minute inhaliert hatte. Eigentlich wollte sie die drei Stockwerke, die der unerwünschte Besucher zu ihr hochlaufen musste, nutzen, um sich im Bad frisch zu machen. Doch leider klingelte auf dem Weg dorthin ihr Telefon. Da sie dachte, es könnte sich erneut um ihre Mutter handeln, ging sie dran. Doch am anderen Ende der Leitung war ihr Exfreund Justus, dessen Stimme sie schon seit Wochen nicht mehr gehört hatte und der ausgerechnet dann anrief, als ihr neuer Schwarm das erste Mal ihre Wohnung betrat. Während sie Maurizio anstarrte, der gerade durch ihre Tür trat, hörte sie die Worte von Justus: „Ich hatte so ein Gefühl, dass es dir nicht gut geht, und wollte mich deshalb mal wieder melden. Geht es dir gut?“ Gerührt von dem Gefühl in seiner Stimme und überfordert von der Situation und ihrem Fieber, brach sie in Tränen aus und schloss die Tür zur Küche, in der Marisa und Maurizio alleine zurückblieben. Nach und nach erzählte sie Justus vom Tod ihres Opas. Eine halbe Stunde später beendete sie das Telefonat und ging in die Küche, wo die beiden immer noch auf sie warteten. Sie war ausgelaugt, wollte ihre Ruhe haben und von dem ganzen Maurizio-Quatsch im Moment nichts mehr hören.