Du bist schuld – Teil 37


Drei Tage nach der Schuld
Wangerooge:

Ellie schluckte, als sie die Postkarte wiedererkannte, und nickte dem Professor als Bestätigung zu, dass es sich dabei um die richtige Karte handelte, die der Polizist ihr im Hotel überreicht hatte. Ihr Schwindel war mittlerweile kaum noch auszuhalten. Sie war kurz davor, ihr Bewusstsein zu verlieren. Doch der Professor ließ sie nicht in Ruhe.
„Erzählen Sie weiter“, sagte er fordernd. Also riss sie sich zusammen und fuhr fort.
„Der Polizist fragte mich, ob ich Maurizio di Tauro kennen würde. Aber ich hatte schon vorher seine Schrift erkannt. Ich wusste, die Karte war von ihm.“ Plötzlich stieß sie einen lauten Schrei aus, danach konnte sie nur noch lallen.
„Was war in dem Glas, das Sie mir gegeben haben?“, war das Einzige, was sie noch fragen konnte, bevor sie in einen tiefen Schlaf voller Erinnerungen zurückfiel.

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Du bist schuld – Teil 36


Ein Jahr später konnte sie seine Ignoranz nicht mehr länger ertragen und trennte sich von ihm. Maurizio schien darüber sehr erleichtert. Zu dieser Zeit vermisste sie Marisa besonders stark, doch sie hatten schon vor längerer Zeit den Kontakt verloren. Als Ellie auf Mallorca gewesen war, war sie nach Hamburg gezogen. Einige wenige Male hatten sie noch telefoniert. Doch ihre Freundin hatte immer nur noch schlecht über Maurizio gesprochen, was Ellie zutiefst kränkte, so dass sie schließlich den Kontakt zu ihr abbrach. Jetzt hörten sie gar nichts mehr voneinander.
Sie hatte über die Mutter von Marisa versucht, wieder Kontakt aufzunehmen. Doch die wollte oder konnte ihr keine Auskunft darüber geben, wo Marisa war. Deutete eine unglaubliche Geschichte an, dass ihre Tochter sich verändert und sehr distanziert habe von ihr und sie nicht mal wüsste, wo sie derzeitig überhaupt leben würde. Was auch immer das zu bedeuten hatte … Mehr bekam Ellie nicht heraus. Das Rumdrucksen von Marisas Mama war ihr so unangenehm, dass sie nicht weiter nachfragen wollte. Für sie selbst war jedoch nun endgültig klar, dass ihre ehemals beste Freundin keinen Kontakt mehr wünschte. Und das musste sie wohl akzeptieren. Anscheinend hatte sie alles verloren, was sie in der schönsten Zeit ihres Lebens einmal gewonnen hatte. Auch mit Carmen hielt sie nur noch sporadisch Kontakt via Mail. Diese jettete um die halbe Welt und lebte ein unbekümmertes Leben, in dem alte Bekannte kaum noch eine Rolle spielten.

 

Du bist schuld – Teil 35


12 Jahre vor der Schuld:

Seitdem er sie gezwungen hatte, sich zwischen ihm und ihrem Job zu entscheiden, hatte er sich verändert. Und das, obwohl sie sich damals für ihn entschieden hatte. Ellie war mit ihm nach Deutschland zurückgekehrt, hatte ihren Traum hinter sich gelassen und ihn für Maurizio und ihre gemeinsame Beziehung aufgegeben. Doch er warf ihr seitdem immer wieder Egoismus vor. Sie lebte mittlerweile alleine in einer eigenen Wohnung, obwohl sie weiterhin ein Paar waren. Er hatte entschieden, lieber wieder bei seiner Mutter einzuziehen. Und in all der Zeit besuchte er sie kaum, erwartete aber von ihr, dass sie jedes Mal zu ihm und seiner Familie nach Hause kommen sollte, sobald sie frei hatte. Kaum eine Minute zu zweit hatten sie dort. In ihr machte sich das Gefühl breit, dass er gar nicht mehr mit ihr alleine sein wollte. Ellie fühlte sich unwohl und ständig unter Druck gesetzt. Es schien, als könnte sie in seinen Augen nichts mehr richtig machen. Das verletzte sie zutiefst, weil sie aus ihrer Sicht bereits alles getan hatte, was er verlangt hatte. Und es machte ihr Angst. Jegliche Freiheit und Leichtigkeit waren verloren gegangen, da sie vor jeder Äußerung genau über diese erst nachdenken musste, weil er ihr ständig Vorwürfe machte. Egal, was sie auch tat. Ellie merkte, wie sehr sie sich ihm zuliebe veränderte. Aus der lebenslustigen, freien und schlagfertigen Frau wurde von Tag zu Tag immer mehr ein kleines, ruhiges graues Mäuschen, das nur noch darauf achtete, nichts falsch zu machen oder nichts Unpassendes zu sagen. Dabei sprach sie immer weniger und hielt ihre sozialen Kontakte kaum noch aufrecht. Gerade bei männlichen Kontakten reagierte Maurizio äußerst gereizt. Ihr war bewusst, sie war nicht mehr sie selbst. Wie in ein Korsett gebunden, das sie nicht mehr atmen ließ. Sie bat ihn, auch mal zu ihr zu kommen, da es sie anstrengte, an all ihren freien Tagen bei seiner Familie sein zu müssen. Dort, wo sie nie Privatsphäre hatten und sie sich nicht ein einziges Mal von ihrem Job entspannen konnte. Doch er schien sie weder zu hören noch sich für sie zu interessieren. Maurizio hatte ganz offensichtlich das Interesse an ihr verloren. Diese Erkenntnis brach ihr das Herz.

Du bist schuld – Teil 34


Drei Tage nach der Schuld
Wangerooge:

„Was stand auf der Postkarte, Ellie? Können Sie sich noch erinnern?“ Sie nickte.
„Auf der Postkarte stand: Für Ellie vom Empfang: Du bist schuld!“ Plötzlich war sie so erschöpft, dass sie nur noch flüstern konnte. Alles drehte sich, und ihre Augen bekamen krampfartige Zuckungen. Das Gefühl, sich gleich übergeben zu müssen, übermannte sie. Während sie krampfhaft versuchte, sich auf einen dunklen Fleck im Fußboden zu konzentrieren, vernahm sie die Frage des Professors wie durch dichten Nebel hindurch. „Meinen Sie diese Karte“, fragte der Professor, während er sie ihr überreichte.

 

Du bist schuld – Teil 33


13 Jahre vor der Schuld
Palma de Mallorca:

„Also, schieß los, Ellie. Was gibt es Tolles zu erzählen?“ Sie grinste ihn an und sagte: „Ich habe eine Festanstellung im Hotel als Direktionsassistentin. Ich bekomme ein super Gehalt und kann meinen Traumjob ausüben. Die finden mich total toll, obwohl ich nicht mal Muttersprachlerin bin. Ist das nicht irre?“ Er starrte sie nur an und sagte nichts. Das hatte sie sich anders erhofft.
„Verstehst du denn nicht, was ich sage, Maurizio? Wir beide können hierbleiben. Für immer, in unserer Traumstadt am Meer. Das ist doch das, was wir immer wollten. Jetzt können wir uns eine tolle neue Wohnung suchen, dieses Mal ohne Schimmel. Ich verdiene genug Geld für uns beide. Vielleicht wirst du ja auch nach deinem Praktikum übernommen. Und wenn nicht, dann findest du doch überall einen Job mit deinen Qualifikationen.“ Sie küsste ihn, doch er zog seinen Mund weg und schubste sie von seinem Schoß runter.
„Hast du schon zugesagt?“
„Äh … ja, also nein, also im Prinzip schon. Das war doch das, was wir beide wollten. Was ist denn auf einmal los?“ Wütend sprang Maurizio auf. So hatte sie ihn noch nie erlebt. „Wie kannst du es wagen, da zuzusagen, ohne das mit mir zu besprechen?“
„Aber, aber, ich dachte …“
„Du dachtest? Das glaub ich wohl kaum. Also ohne mich. Ich bleibe nicht hier. Das war es dann mit uns beiden. Du kannst dich entscheiden, Ellie. Entweder der Job oder ich.“

Mit diesen Worten ließ er sie am blau glitzernden Wasser zurück. Die Sonne schien und wärmte sie. Sie vernahm das Geräusch des leicht plätschernden Wassers. Der Tag hätte nicht schöner sein können. Doch ihr schossen Tränen in die Augen. Es war ihr nicht mehr möglich, die Welt zu verstehen. Ihr war ein Traumjob angeboten worden, und sie waren doch beide so glücklich hier. Was war nur los mit ihm? Wie konnte er sie nur zwingen, sich zu entscheiden. Zwischen ihrer einzigartigen Chance, ihrem Traum, und ihm, ihrer großen Liebe? Warum blieb er nicht einfach hier mit ihr? Auf den Treppen an ihrer Lieblingsstelle am Meer brach sie zusammen, als er schon längst nicht mehr zu sehen war. Hätte er sich nur einmal zu ihr umgedreht, hätte er zu ihr zurückkehren können, doch das tat er nicht.

Du bist schuld – Teil 32


„Sagt Ihnen der Name Maurizio di Tauro etwas?“ Ein erneutes Zittern übermannte ihren Körper. Kalte Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn.
„Sie kennen ihn also?“ Mit einem Mal schossen ihr alle möglichen Erinnerungen durch den Kopf, doch sie reagierte nicht.
„Was ist das Letzte, an das Sie sich erinnern können, bevor Sie bei uns aufgewacht sind?“ Ellie überlegte kurz, bevor sie zu erzählen begann.
„Ich stand an der Rezeption in dem Hotel, wo ich gerade meine neue Stelle angefangen hatte. Ich war etwas genervt von den Gästen. Da war unter anderem eine alte Frau mit rosigen Wangen, die mich anschrie: „Das kann doch wohl nicht wahr sein“, und als wäre sie nicht schon laut genug, haute sie noch einmal kräftig mit ihrer dicken Hand auf die Hotelklingel am Empfang, die schließlich durch diese Wucht auseinanderbrach. Ich weiß noch genau, wie ich sarkastisch gedacht habe: „Ach, du meine Güte, wie habe ich das vermisst, die Hotellerie und ihre Luxusprobleme.“ Die Dame wurde richtig wütend und schrie: „Schon seit 20 Jahren habe ich das Zimmer 306. Ich sehe nicht ein, dass ich jetzt in ein anderes Zimmer gehen sollte“, und sah dabei kopfschüttelnd ihre Tochter an. „Das werde ich nicht machen! Auf gar keinen Fall!“ Sie reagierte so, als hätte ich ihr den Mann ausgespannt. Ich konnte es einfach nicht glauben, dass sich jemand so sehr aufregen konnte wegen einer bescheuerten Zimmernummer. Unfassbar! Auch wenn ich ihre Reaktion nicht nachvollziehen konnte, versuchte ich, sie zu beruhigen, und sagte: „Das tut mir wirklich aufrichtig leid, dass Sie dieses Mal ein anderes Zimmer nehmen müssen. Aber ich kann es leider nicht ändern. Das Zimmer 306 ist bereits vergeben und wird auch noch die nächsten 14 Tage dauerhaft belegt sein. Es ist mir nicht möglich, den anderen Gast zu bitten, aus diesem Zimmer auszuziehen, damit sie Ihr Zimmer bekommen.“ „Was ist das hier nur für ein Sauladen geworden?“, stimmte dann auch noch die Tochter der Frau mit ein und sagte vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen: „Ihre Restaurantkarte ist auch nicht tagesaktuell. Hier funktioniert aber auch gar nichts mehr. Am besten reisen wir gleich wieder ab.“ Ich ignorierte ihren letzten Satz und erwiderte: „Da haben Sie Recht. Allerdings haben wir heute unseren Büfettabend und das À la carte-Restaurant ist geschlossen. Deshalb hängt dort noch die Karte von gestern aus. Gleich morgen, wenn das Restaurant wieder geöffnet ist, werden wir die Menükarte austauschen.“

Es folgte ein kurzes Schweigen. Ellie musste sich richtig konzentrieren, bevor sie weitererzählen konnte. „Dann kam dieser Polizist herein.“ Ihr versagte die Stimme für einen kurzen Moment, und sie hatte das Gefühl, dass sie gleich vor lauter Erschöpfung in einen Schlaf fallen würde, versuchte aber, sich dagegen zu wehren. Sie wollte nicht schlafen, nicht bevor sie es ausgesprochen hatte. Mit leiser Stimme sagte sie es schließlich. „Der Polizist reichte mir die Karte. Eine Postkarte aus Mallorca.“

Du bist schuld – Teil 31


Als sie den Raum betraten, blickte er auf, legte die Akte auf den kleinen Fußhocker und lächelte.
„Schön, dass Sie da sind. Wie geht es Ihnen?“ Ellie sagte nichts, starrte ihn stattdessen nur misstrauisch an. Der Professor winkte sie freundlich zu sich.
„Kommen Sie doch näher. Sie müssen keine Angst haben.“ Er zeigte auf das gemütliche Sofa neben seinem Stuhl und bat sie, sich neben ihn zu setzen. Sie trat an ihn heran, setzte sich zögernd hin und sah ihn mit skeptischem Blick an. Dieser beugte sich zu ihr vor.
„Wissen Sie, wo Sie sind?“ Auf Grund der Erlebnisse im Frühstückssaal hatte sie eine Vermutung, behielt sie aber für sich und schüttelte den Kopf.
„Sie befinden sich in der Psychiatrie auf Wangerooge.“ Obwohl sie so etwas bereits geahnt hatte, traf es sie wie ein Schlag ins Gesicht. Ihr Körper zitterte unkontrolliert. Der Professor hielt ihr ein Glas Wasser hin.
„Hier, trinken Sie das.“ Sie nahm es und trank einen großen Schluck davon, während der Mann fortfuhr.
„Wie ich Ihnen schon gestern sagte, ist mein Name Professor Münch. Ich leite diese Einrichtung hier. Können Sie mir Ihren Namen verraten?“
„Ellie … Ellie Sommer.“ Ein irritiertes Zucken, das sie nicht zu deuten wusste, huschte über sein Gesicht, bevor er „Hmmm“ murmelte und eine Notiz in einem blauen Buch machte. Dann sah er sie mit einem intensiven Blick an.
„Was glauben Sie“, wieder sah er zu seinen Notizen herunter, bevor er fortfuhr. “Äh … Ellie, was denken Sie, warum Sie hier sind?“
„Ich, ich …“, verzweifelt legte sie den Kopf in ihre schweißnassen Hände. Dann sah sie auf und sagte mit feuchten Augen: „Ich weiß es nicht.“