Du bist schuld – Teil 50


Vier Jahre vor der Schuld
Berlin:

„Du weißt, wir müssen aus der Wohnung raus. Die Vermieterin braucht das Zimmer für sich selbst.“ Er reagierte genervt.
„Ja, ist ja gut. Ich weiß das ja, Ellie. Wir kümmern uns doch darum.“
„Wir? Ich, Maurizio, ich kümmere mich darum. Genau darum geht es mir doch. Ich kann doch nicht alleine eine Wohnung ansehen und aussuchen, in der wir beide glücklich sein sollen.“
„Ich habe halt viel zu tun.“ Ellie seufzte.
„Und ich wohl nicht? Ich nehme mir ja auch die Zeit. Es geht doch um unsere Zukunft, nicht nur um meine.“ Er konzentrierte sich wieder auf den Laptop vor ihm und winkte ab.
„Dieses Mal musst du aber alleine gehen. Du siehst doch, dass ich jetzt nicht kann.“

Ellie verließ genervt die Wohnung und kam Stunden später freudestrahlend zurück.
„Hey, Maurizio, die Wohnung war toll. Eine schöne Zwei-Zimmer-Altbauwohnung mit Balkon und direkt am Kanal. Und noch nicht mal teuer. Die musst du dir unbedingt so schnell wie möglich ansehen.“ Maurizio sah sie an, als wäre er in einer anderen Welt und hätte ihr gar nicht zugehört.
„Setz dich mal bitte, Ellie. Vorhin habe ich etwas nachgedacht und muss dir das jetzt sagen. Ich werde dir wohl nicht ein Leben lang treu sein können.“ Sie ließ ihre Handtasche fallen und starrte ihn an. Auf der Suche nach einem Lächeln um seine Augen, das ihr verriet, dass er scherzte. Doch er meinte es ernst. Ungläubig sah sie ihn an, konnte den Blick nicht von ihm wenden.
„Was soll das denn jetzt? Was erzählst du mir da?“ Er atmete tief aus.
„Das muss ich dir doch sagen.“ Sie stand auf und schrie ihn an.
„Einen Scheißdreck musst du. Ich bin zu dir nach Berlin gezogen, suche uns gerade eine größere Wohnung, in der wir unsere Zukunft verbringen wollen, und dir fällt ausgerechnet das ein?“ Wutentbrannt schnappte sie sich ihre Tasche und verließ die Wohnung. Er rief ihr nach: „Ellie, warte mal.“
Sie schrie: „Leck mich!“, während sie sich die Tränen aus dem Gesicht wischte und die Treppen aus dem fünften Stock hinunterrannte. Als sie draußen war, war es bereits dunkel geworden. Dennoch irrte sie fünf weitere Stunden durch das nächtliche Berlin. Maurizio rief sie mehrmals an. Nach einigen Stunden hob sie erschöpft ab.
Er sagte: „Vergiss, was ich gesagt habe. Es tut mir leid. Bitte komm nach Hause.“ Und  Ellie ging nach Hause, da sie müde war und unendlich fror und weil sie niemanden kannte in dieser grausamen, viel zu großen Stadt, zu dem sie alternativ hätte gehen können. Sie fühlte sich einsam und verlassen und ging zurück an den einzigen Ort, an den sie gehen konnte.

Zwei Monate später zogen sie in eine große, schöne Wohnung. Es war nicht die am Kanal. Aber das war mittlerweile auch nicht mehr so wichtig. Diese hatten sie gemeinsam ausgesucht und sie war noch größer als die, die Ellie sich alleine angesehen hatte. Einfach perfekt. Doch den Abend zwei Monate zuvor hatte sie nicht vergessen.

 

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Du bist schuld – Teil 49


Drei Tage nach der Schuld
Wangerooge:

Ellie schluchzte laut auf, bevor sie mit rauer Stimme fortfuhr. „Er hatte mir über Jahre hinweg immer wieder das Herz gebrochen. Es war furchtbar, weil ich unendlich litt, und dennoch ihn zugleich ebenso sehr liebte, dass ich ihn nicht verlassen konnte. Doch letztes Jahr kam ich an einen Punkt, an dem ich einfach keine Kraft mehr hatte. Nachdem ich mich verloren hatte, wollte ich mich wiederfinden. Aber mit ihm an meiner Seite ging das nicht. Ich hatte es versucht, auch offen mit ihm darüber gesprochen, doch er nahm mich nicht ernst. Hätte er mir geholfen, vielleicht hätten wir es dann schaffen können. Stattdessen legte er, wie so oft zuvor, all meine Gefühle und Offenbarungen als kindischen und gestörten Quatsch ab. Jegliches Vertrauen, das ich noch besaß, löste sich nun vollständig in Luft auf, weil er mir immer wieder Dinge versprochen hatte, die er letzten Endes doch nicht einhielt. Oder wenn, dann nur für einen begrenzten Zeitraum. Ich war ihm nicht wichtig, und er zeigte es mir so gut, wie er nur konnte. Er, der große Autor meines Lebens.“

 

Du bist schuld – Teil 48


Fünf Jahre vor der Schuld
Berlin:

Ellie und Maurizio hatten sich ins Bett gekuschelt. Draußen war es eiskalt. Einer dieser typischen bitteren Berlin-Winter, die nie zu enden schienen. Die Bürgersteige waren bereits seit Monaten unter zehn Zentimeter dicken Schneeschichten vergraben. Die Stadt war ebenso grau wie ihre Einwohner. Doch hier in ihrem kleinen, warmen Reich im Hinterhaus eines typischen Berliner Altbaukomplexes bekamen sie davon nichts mit. Vor ihnen lag eine Auswahl an Filmen, die sie aus der Bücherei ausgeliehen hatten. Maurizio küsste sie zärtlich und sagte: „Heute darfst du einen Film aussuchen. Ich hole uns noch schnell was Leckeres, und dann können wir anfangen.“ Er legte die dicke Wolldecke zurück und verließ das spärlich möblierte Zimmer. Ellie sah ihm verträumt hinterher. „Wie lustig“, dachte sie. „Jetzt wohne ich hier mit ihm in einer quasi illegalen Berliner Ein-Zimmer-Altbauwohnung. Es gibt keine Türklingel, keinen Fernseher, kein eigenes Bad. Wir haben nur ein Schlafzimmer und eine kleine Wohnküche, in der auch noch unsere Dusche steht. Eigentlich ist es eine Duschkabine, die man vor dem Duschen 25 Minuten lang in einer Steckdose aufladen muss. Wir können uns nicht mal irgendwo offiziell anmelden, da es keinen Mietvertrag gibt. Alles in allem nicht mein Traum. Aber trotzdem bin ich so glücklich. Wir haben uns hier ein richtig gemütliches, kleines Nest eingerichtet. Irgendwann werden wir die Fotos unseren Kindern und Enkelkindern zeigen und von unserer romantischen, verrückten, kleinen Wohnung erzählen, die so gut zu uns passte.“
Maurizio kam zurück und kuschelte sich wieder an sie.
„Und, hast du einen Film ausgesucht?“
„Noch nicht. Warte, nimm den hier.“ Blind zog sie eine DVD-Hülle aus dem Stapel. Es war ihr egal, was sie sich ansahen. Hauptsache, sie waren zusammen. Während Maurizio die DVD in den Laptop schob, nahm sie sich das Schokoladeneis und die Chips, die er mitgebracht hatte. Lächelnd lehnte sie sich zurück und sagte: „Ich bin so glücklich mit dir und unserem kleinen, illegalen Reich.“
„Ich auch. Du bist meine Frau.“ Dann küsste er sie voller Liebe.

                                         

Du bist schuld – Teil 47


Drei Tage nach der Schuld
Wangerooge:

„Erzählen Sie mir alles von Anfang an. Beginnen Sie damit, warum Sie auf diese Insel gekommen sind.“ Ellie schluckte und hatte furchtbare Angst, doch zugleich wusste sie, dass sie hier in Sicherheit war und dass der Mann, der ihr gegenübersaß, ein Vertrauter werden würde. Er würde ihr helfen, das Geschehene zu verarbeiten. Wie ein Film lief nun alles vor ihrem inneren Auge ab, als wäre es nicht ihr eigenes Leben, und dennoch zeigten ihr ihre starken Emotionen, dass es genau das war. Sie atmete mehrfach tief ein und aus, bevor sie zu erzählen begann.
„Ich bin vor einigen Wochen hierhergekommen, um ein neues Leben zu beginnen, mein Leben. Mein altes war eine Riesenkatastrophe. Vor einem Jahr habe ich mich aus einer Beziehung mit einem Mann gelöst, die mich selbst und meinen Glauben an die eine wahre, große Liebe zerstört hat.“

 

Du bist schuld – Teil 46


Fünf Jahre vor der Schuld
Berlin:

Ellie saß im Auto auf dem Weg nach Berlin. Sie hatte drei Koffer und zwei Umzugskartons mit eingepackt. Heute würde sie nach Berlin ziehen, zu Maurizio, ihrer großen Liebe. Sie hatten ihre zweite Chance vor Jahren gut genutzt und waren seitdem wieder glücklich miteinander. Nach einer zwei-jährigen Fernbeziehung zog sie nun zu ihm in die Hauptstadt. Ihre Freude auf ein gemeinsames Leben mit ihm war grenzenlos, auch wenn es ihr schwerfiel, ihr geliebtes Düsseldorf hinter sich zu lassen. Aber für diesen Mann und diese Liebe würde sie einfach alles tun. Das hatte sie schon einmal bewiesen. Doch sie hoffte, dass es dieses Mal gut ausginge.

 

Du bist schuld – Teil 45


Drei Tage nach der Schuld
Wangerooge:

Hysterisch schreiend warf sie die Espressotasse zu Boden und schlug mit ihren Fäusten immer wieder fest auf ihre Knie ein, bis die großen Hände des Professors ihre umfassten und so stark drückten, dass sie zu keiner weiteren Bewegung fähig waren.
„Schauen Sie mich an“, sagte er mit fester, ruhiger Stimme.
„Ich bin für Sie da. Sie können mir alles erzählen. Stück für Stück. Und wenn es Ihnen zu viel wird, machen wir eine Pause oder hören auf.“ Die Erkenntnis, weshalb sie hier war, in der Psychiatrie, hatte sie überrollt wie ein Tsunami. Ellie war durchgedreht, als sie im Hotel von Maurizios Tod erfahren hatte. Auf einmal waren alle Erinnerungen wieder da. Als ob eine unsichtbare Kraft den Schutzmechanismus ihrer kurzweiligen Amnesie einfach wieder davongeschoben hätte, als wollte er sagen: „Genug versteckt. Jetzt komme ich raus. Ich zeige dir meine Macht und werde dich noch einmal alles schonungslos durchleben lassen.“

 

Du bist schuld – Teil 44


Liebe Ellie, cara mia,

du liegst neben mir in meinem Bett. Ich kann nicht schlafen, weil ich dich die ganze Zeit ansehen möchte, um dein Bild in meinem Kopf festzuhalten. In meinem Herzen bist du ja schon. Dort besetzt du schon seit Jahren den größten Teil. Morgen fährst du zurück nach Düsseldorf, und ich möchte jede Sekunde mit dir bewusst genießen. Es bricht mir das Herz, dass du wieder gehst, aber ich weiß, ab jetzt werden wir jeden Tag unseres Lebens zusammen verbringen. Keine einzige Minute will ich mehr ohne dich sein. Du bist die Frau meines Lebens. Dich und nur dich habe ich immer geliebt und ich werde bis an mein Lebensende auch nur dich lieben. Ich rieche an dir und streichle über dein Haar. Du duftest so gut und siehst so süß aus, wenn du schläfst. In den letzten Jahren habe ich dich so sehr vermisst. Nie mehr werde ich dich hergeben. Du bist alles für mich. Für dich bin ich das erste Mal in meinem Leben bereit, über meinen eigenen Schatten zu springen und alles für unsere gemeinsame Zukunft zu tun.

Ich verspreche dir, wir werden nie wieder ohne einander sein. Ich liebe dich, mein Engel.

Per sempre il tuo! Für immer deiner!

Als sie den Brief auf ihre Knie legte und aus dem Fenster sah, rannen ihr die Tränen vor lauter Glück die Wangen herunter.