Du bist schuld – Teil 78


Sieben Tage nach der Schuld
Wangerooge:

Als sie im Frühstückssaal saß, fühlte sie sich das erste Mal wieder etwas gestärkt. Die letzten Tage hatte sie stundenlang mit dem Professor in Sitzungen verbracht, um das Geschehene aufzuarbeiten und vielleicht irgendwann verarbeiten zu können. Mittlerweile freute sie sich regelrecht auf die Gespräche. Über Maurizio und ihre Schuldgefühle sprechen zu können, befreite sie.
Nun sprach sie das erste Mal ihren Tischnachbarn an. „Hallo, ich bin ja nun schon ein paar Tage hier. Doch ich weiß noch gar nichts über sie. Ich heiße übrigens Ellie Sommer“, sagte sie mit einem freundlichen Lächeln zu dem älteren Herrn. Aber sie bekam keine Reaktion. Daraufhin berührte sie ihn leicht an seiner Hand. Das schien seine Aufmerksamkeit zu erregen. Denn er drehte sich zu ihr und schrie sie an: „Warum antworten Sie denn nicht?“ Sie wich ein Stück zurück und antwortete ihm perplex. „Aber Sie antworten doch nicht.“ Der Mann schien sie nicht mehr zu hören und konzentrierte sich erneut auf sein Brötchen, als wäre das gerade nicht passiert. Kopfschüttelnd machte Ellie das Gleiche, als er sie nochmal ansah und wieder anschrie.
„Ich habe Sie was gefragt!“ Sie erschrak so sehr, dass sie ihr stumpfes Messer fallen ließ. „Was haben Sie mich denn gefragt?“, fragte sie mit behutsamer Stimme. Er stöhnte, als wäre er genervt, dass er nun seine Frage erneut stellen müsste.
„Was ich den Leuten sagen soll, die mich anrufen. Also, wo bin ich hier?“ In diesem Moment kam ein Pfleger vorbei, den Ellie zuvor noch nicht gesehen hatte. Er sprach mit ruhiger Stimme zu ihm, bevor Ellie etwas erwidern konnte.
„Herr Blümel, das wissen Sie doch. Sie sagen das Gleiche wie immer, dass Sie im Hotel auf Wangerooge sind und hier Urlaub machen.“ Herr Blümel, wie er anscheinend hieß, schien mit dieser Antwort zufrieden, denn er nickte und widmete sich wieder voll und ganz seinem Brötchen. Der Pfleger ging einmal um den Tisch herum und reichte ihr die Hand. „Hallo, wir kennen uns noch nicht. War ein paar Tage im Urlaub. Wenn man an der Nordsee wohnt, muss man auch ab und zu mal in die Sonne fliegen, wenn Sie verstehen, was ich meine!? Ich bin Pfleger hier und heiße Tommy.“
„Freut mich, Ellie Sommer“, sagte sie und reichte ihm ebenfalls die Hand. Tommy war Mitte dreißig, ein großer, blonder, schlaksiger Typ. Er hatte ein nettes Lächeln, und die Grübchen um seinen Mund und seine Augenpartien verrieten, dass er ein fröhlicher Mensch sein musste, der viel lachte. Dann legte er ihr kurz eine Hand auf die Schulter, als er sagte: „Machen Sie sich nichts draus. Herr Blümel reagiert immer so, wenn man ihn anspricht. Am besten wäre, Sie würden ihn einfach ignorieren. Sie werden sich schon daran gewöhnen. Manch einer hat hier halt so seine Ecken und Kanten.“ Er zwinkerte ihr zu.
„Eigentlich wollte ich mich an gar nichts hier gewöhnen, sondern so schnell wie möglich raus aus dieser Einrichtung“, dachte sie sich, lächelte ihn aber stattdessen an. Tommy drehte sich um und sagte: „Ah, guten Morgen, Benno. Heut mal wieder nicht aus den Federn gekommen?“ So hieß also der junge Mann, der sich ebenfalls mit ihr den Tisch teilte und ihr schon zweimal Warnungen zugeflüstert hatte. Auf noch so ein verrücktes Gespräch wie zuvor hatte sie nun gar keine Lust mehr. Also stand sie lieber gleich vom Tisch auf.

 

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Du bist schuld – Teil 77


Vier Jahre vor der Schuld
Berlin:

Ellie liebte die französische Bäckerei auf ihrer Straße. Das „Brotstübchen“ war etwas ganz Besonderes. Zwischen all den Kettenbäckereien war sie ein kleiner Exot. Die Chefin dort buk noch selbst und arbeitete nicht mit tiefgefrorenen Allerwelts-Produkten, die man dann zum Aufbacken nur noch in den Ofen schob. Wenn Ellie diesen Laden betrat, hatte sie das Gefühl, die Zeit würde stillstehen. Der kleine Raum, der vollgestellt war mit antiken Möbeln, dekorativen Tellern und Vasen aus dem vergangenen Jahrhundert schaffte eine gemütliche Atmosphäre. Auch die Menschen, die dort arbeiteten, wirkten wie aus einer anderen Zeit entsprungen. Was besonders auffiel: Nicht nur die Zeit schien hier stillzustehen, sondern alle schienen auf einmal auch wieder Zeit zu haben. Im sonst so hektischen Berlin glich das „Brotstübchen“ einer idyllischen Insel der Ruhe. Es war genau das, wonach Ellie sich so sehr sehnte.

Der Duft von frisch gebackenen Brötchen, Croissants, Broten und aufgebrühten Kaffeespezialitäten erreichte sie jeden Morgen durch das geöffnete Schlafzimmerfenster. Wenn sie schlafen konnte, träumte sie davon, vor der Arbeit mit Maurizio dorthin zu gehen, ein genüssliches kleines Frühstück einzunehmen und mit ihm zu plaudern, wie es die Franzosen im schönen Paris taten. Der Gedanke an die Gerüche, die Einrichtung, den von der Außenwelt geschützten Raum und an Maurizio und sich selbst als Liebespaar führte sie zu einem Gefühl von tiefer Geborgenheit, Vertrautheit, Lebensfreude, Genuss, Liebe und Heimat. Sie lächelte, doch als sie die Augen öffnete, sah sie, dass seine Bettseite leer war. Wieder einmal. Im Wohnzimmer fand sie ihn, laut schnarchend und noch vollständig angezogen auf dem Sofa. Ein mittlerweile alltägliches Bild. Ihr war klar, ihn jetzt zu wecken und zu fragen, ob er mit ihr frühstücken würde, machte keinen Sinn, denn er hatte wieder einmal die Nacht durchgemacht und sich gerade erst schlafen gelegt. Und so schloss sie leise die Wohnzimmertür, ging duschen, verließ ihre gemeinsame Wohnung, trank alleine einen Cappuccino und begann erneut einen weiteren einsamen Tag im lauten und grauen Berlin.

 

Du bist schuld – Teil 76


Weitere Minuten vergingen, bevor sie weitersprechen konnte. „Der Polizist sagte mir, er hätte schon seit Wochen eine Wohnung auf der Insel bezogen. Da er in den Augen der Vermieterin in den letzten Tagen vor seinem Tod so merkwürdig war, ging sie in seine Wohnung. Dort hingen überall Bilder von mir, von uns an der Wand. Er hatte mich anscheinend überall hin verfolgt und beobachtet. War besessen von mir. Die Fotowand war wie eine Zeitreise aufgebaut, und am Ende hing die Karte aus Mallorca ….“
Sie flüsterte: „Maurizio hat sich wirklich umgebracht. Er ist ins Meer hineingelaufen, mitten in die Flut hinein, und wurde in das Wasser gerissen. Seinen Leichnam haben sie nicht gefunden, aber der Polizist meinte, dass er das nicht überleben konnte, da die Strömungen in der Nordsee so gefährlich seien. Nur eine letzte Nachricht hinterließ er für mich: Du bist schuld! … Ich trage die Schuld an seinem Tod … Und jetzt kann ich nichts mehr tun. Es ist alles verloren, alles sinnlos. Wie soll ich nur jemals wieder leben? Als wir zusammen waren, nahm er mir den Atem. Doch jetzt hat er mir alles genommen. Er kann doch nicht einfach so sterben und mich lebendig begraben unter meiner Schuld.“ Ihr erschütterndes Schluchzen lockte Schwester Heidi in den Behandlungsraum, die Ellie auf ihr Zimmer begleitete und ihr abermals Beruhigungsmittel verabreichte.

Du bist schuld – Teil 75


Vier Tage nach der Schuld
Wangerooge:

„Und dann? Was ist hier passiert?“ Sie versuchte, ihre Gedanken zu sortieren, sich auf das Gespräch mit dem Professor zu konzentrieren und nicht immer wieder in Erinnerungen zurückzugleiten. „Ich sah ihn irgendwie immer wieder. Zunächst auf der Fähre, dann auf dem Fahrrad, sogar im Personalgang des Hotels und eines Abends in der Pizzeria. Doch es waren immer nur Momentaufnahmen. Wenn ich hinter ihm herrannte, war er verschwunden, als hätte er sich in Luft aufgelöst. Zwischendurch war ich mir so sicher, dass er es war. Konnte ihn sogar riechen. Doch dann beruhigte ich mich selbst, schob es auf meine Ängste und meinen unruhigen Geist. Redete mir ein, dass ich spinne. Hatte sogar teilweise befürchtet, meinen Verstand zu verlieren. Doch jetzt weiß ich, dass er es wirklich war. Maurizio muss alle Gänge und Wege der Insel genauestens studiert haben, sonst hätte er doch nicht immer im Nullkommanichts verschwinden können. Aber ich frage mich, woher er wusste, dass ich vorhatte, hier ein neues Leben zu beginnen. Als ich noch in Düsseldorf wohnte, habe ich mich auch schon häufiger beobachtet gefühlt. Vermutlich war er das auch. Damals schien er wie besessen von mir und gab auch nur mir die Schuld an der Trennung. Natürlich war ich diejenige gewesen, die sich getrennt hatte. Aber doch nur, weil er mich über Jahre hinweg so behandelt hatte. Doch in seinen Augen war ich nur noch die Böse, die auf einmal schwach war, kein Durchhaltevermögenbesaß und seine Liebe nicht verdient hatte. Er meinte, ich sei seiner Liebe nicht würdig. Seiner Liebe, der einzigen, wahren Art zu lieben. Dass ich nicht lache! Was hatte ich denn all die Jahre davon? Wenn das der Wahrheit entspräche, würde niemand mehr nach der wahren Liebe suchen. Jetzt musste ich mir noch die schlimmsten Beschimpfungen anhören. Sie wissen gar nicht, wie sich das anfühlt. Zu all dem Kummer und den seelischen Schmerzen, die er mir bereits zugefügt hatte, haute er einfach noch eine Portion obendrauf. Er hatte nicht verstanden dass ich mich nicht von ihm getrennt hatte, weil ich ihn nicht mehr liebte, sondern weil ich an seiner Seite einfach keine Chance hatte, zu bestehen.“
Ellie schluckte und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Es folgte eine lange Pause. „Und dann hat er sich umgebracht.“

 

 

Du bist schuld – Teil 74


Vier Jahre vor der Schuld
Berlin:

Heute war Ellies 30. Geburtstag. Schon mit 16 Jahren hatte sie sich ausgemalt, wie einmal ihr 30. aussehen sollte. Seitdem freute sie sich auf diesen Tag. Als sie 16 war, hatte sie abends mit einer Freundin eine Fahrradtour unternommen. Es war eine wunderschöne, laue Sommernacht. Die Grillen zirpten, und der Duft der Blumen lag in der Luft. Alles schien leicht und schwerelos zu sein. Auf einmal hörten sie vom Fluss her Stimmen, Gelächter und Musik. Neugierig fuhren sie zu dem Kanuheim, um zu sehen, was dort vor sich ging. Als sie ankamen, sahen sie überall bunte Lampions und kleine bunte Lichterketten an den Bäumen hängen. Wie ein schwedischer Sommernachtstraum. Die Leute standen draußen, aßen, tranken, unterhielten sich oder tanzten auf der Terrasse. Sie wirkten ausgelassen und frei von allem. Leckere Grillgerüche schwebten in der Luft und ein Riesenbüfett war aufgestellt. Ellie und ihre Freundin kamen aus dem Staunen nicht heraus, als jemand zu ihnen kam und sie auf die Party einlud. Es stellte sich heraus, dass er gemeinsam mit zwei Freundinnen diese Feier zu ihrem 30. Geburtstag organisiert hatte. Danach führte er sie herum, stellte sie allen vor, bot ihnen zu essen und zu trinken an. Es war ein perfekter Abend, der in wildem Tanzen zu guten 80er-Jahre-Liedern endete. Seitdem träumte Ellie von so einem 30. Geburtstag. Sie hatte ihre engsten Freunde zu einem Geburtstagswochenende in die Hauptstadt eingeladen. Alle sollten bei ihr schlafen. Gemeinsam mit ihnen wollte sie picknicken, im See schwimmen, grillen und ein kulturelles Event in Neukölln besuchen. Ein ganzes Wochenende mit ihren Liebsten und ihrem geliebten Maurizio. Doch dieser beschloss am Samstagmorgen, lieber zu seinen Freunden gehen und nicht mehr Zeit mit ihr und ihren Freunden zu verbringen.
„Wohin willst du jetzt gehen, Maurizio?“, fragte sie, obwohl sie die Antwort schon kannte. „Zu Marcel.“
„Aber warum denn? Es ist doch mein Geburtstagswochenende.“
„Ich war doch schon gestern Abend mit dabei. Du hast ja deine Freunde hier.“ Sie merkte, wie flehend sie sich anhörte.
„Aber ich wollte nicht nur sie, sondern auch meinen Freund mit dabeihaben.“
„Ja und, Ellie, ich war ja gestern dabei. Außerdem hast du heute auch keinen Geburtstag mehr.“ Ihre Stimmung sprang um in Wut.
„Aber ich habe mir ein ganzes Wochenende gewünscht. Warum, verdammt nochmal, kannst du mir nicht einmal diesen Gefallen tun. Es ist mein Geburtstag. Würdest du dir ein Geburtstagswochenende wünschen, würde ich nicht abhauen. Egal, wie ätzend ich deine Freunde auch finden würde. Es geht doch um mich. Bitte bleib, Maurizio.“ Er drehte sich um und sagte: „Das ist mir jetzt zu anstrengend.“ Dann verließ er die Wohnung und fuhr zu seinen Freunden.

 

Du bist schuld – Teil 73


Vier Tage nach der Schuld
Wangerooge:

„Deshalb bewarb ich mich auf eine Stelle in einem Hotel auf Wangerooge. Ich habe diese Insel ausgewählt, weil er mir so unwahrscheinlich weit weg erschien von meinem alten Leben. Hier war ich noch nie zuvor. Ein Ort, an dem einfach keine Erinnerungen existieren. Sozusagen pur und rein ohne die verpestete Luft der Vergangenheit. Natürlich hatte ich auch überlegt, nach Spanien oder Italien zu gehen. Aber es wäre immer verknüpft gewesen mit meiner Vergangenheit, mit Maurizio. Doch hier fühlte ich mich sicher. Auf dieser kleinen Insel, auf der mich niemand kennen, niemand erwarten würde. Und auf einmal hatte ich auch wieder Glück im Leben. Die Zusage für die Stelle kam bereits drei Tage nach dem Vorstellungsgespräch. Ich dachte nicht lange nach, kündigte meine Wohnung, verkaufte meine Sachen, änderte sowohl Handynummer als auch E-Mail-Adresse. Dass ich hierhinging, habe ich nur meiner Familie und meinem engsten Freundeskreis erzählt. Dann ließ ich mein altes Leben hinter mir und war von einem auf den anderen Tag für viele nicht mehr zu erreichen. Und das alles, ohne Maurizio auch nur ein Sterbenswörtchen davon zu sagen. Ich verschwand heimlich aus seinem Leben. Somit auch aus unserem gemeinsamen, das nur noch ein Teil meiner Vergangenheit sein sollte, aber keinen Einfluss mehr auf meine Gegenwart oder Zukunft haben durfte. Deshalb kann ich es mir auch bis heute nicht erklären, dass er hier auf der Insel war. Niemand hätte es ihm verraten. Alle diejenigen, die es gewusst hatten, hätten sich eher die Zunge abgehackt, als diesem Mann noch einmal die Chance zu geben, mir erneut mein Herz herauszureißen.“

 

Du bist schuld – Teil 72


Vier Jahre vor der Schuld
Berlin:

Sie tanzten eng umschlungen durch das Wohnzimmer. Er hatte eine Schallplatte von Udo Lindenberg aufgelegt. „Hinterm Horizont geht’s weiter“, sang dieser in seiner unverkennbaren Nuschel-Stimme. Maurizio wusste, wie sehr sie Udo liebte. Deshalb hatte er die Platte gekauft. Besonders dieses Lied mochte sie. Es erinnerte sie an unendliche Weiten und Freiheit, die das Leben nicht zu beschreiben vermag. Freiheit, wie wichtig das doch für sie war. Er hatte die Lautstärke bis zum Limit aufgedreht und tanzte mit ihr. Tanzte mit ihr, wie er es damals im Regen getan hatte. Nun gab es nur noch sie beide, die Musik und ihre Bewegung. Die Liebe konnte nicht deutlicher ausgedrückt werden als in ihrem gemeinsamen Tanz. Und sie sangen mit, so laut sie konnten, drehten sich und lachten. Schon lange hatte sie ihn nicht mehr so ausgelassen und befreit erlebt. Ellie genoss jede einzelne Sekunde, sog sie in sich auf. Sie tanzten und tanzten. Und noch ein Lied und noch ein Lied. Bis sie außer Atem waren und sich gemeinsam auf das Sofa schmissen. Er war mit seinem Kopf ganz nah vor ihrem und strich ihr sanft eine Strähne aus dem Gesicht hinters Ohr. Dann sah er sie mit seinen funkelnden blauen Augen an. Lange, so lange und intensiv, dass es ihr schon fast unangenehm war. Bis er schließlich sagte: „Weißt du eigentlich, welches Glück ich mit dir habe? Du wirst von Tag zu Tag immer schöner. Ich freue mich schon so sehr als alter Mann neben dir aufzuwachen und meine wunderschöne alte Frau ansehen zu können. Ich weiß jetzt schon, wie du aussehen wirst mit deinen grauen Haaren. Einfach nur schön und süß.“ Dann küsste er sie mit der Leidenschaft, die sie so sehr an ihm liebte. Ellie küsste ihn und weinte vor Glück, dass er sie endlich wieder sah. Aber genauso vor Trauer, weil sie wusste, dieser Moment würde wieder vergehen.