Du bist schuld – Teil 104


Drei Wochen nach der Schuld
Wangerooge:

Ellie sah deutlich lebendiger aus als noch zwei Wochen zuvor. Professor Münch hatte sie nach und nach mit therapeutischen Maßnahmen aus ihrer Apathie geholt. Nun war sie wieder vollkommen im Hier und Jetzt. Sie hatte sich vorgenommen, mal wieder in ihr Tagebuch zu schreiben, da es ihr half, ihre Gedanken zu sortieren und besser mit dem Schmerz umzugehen. Niemand konnte zensieren, was sie schrieb. Es waren ihre Gedanken und Worte, ihr geheimer Ort der Freiheit, wenn sie schon hier eingesperrt wurde. Nun saß sie an ihrem Tisch und machte ihren ersten Eintrag seit dem Tod Maurizios:

Er war meine große Liebe. Wenn ich an Liebe denke, denke ich an ihn. Für ihn habe ich alles gegeben. Habe gekämpft bis zum Umfallen, gegen alles, was es gibt. Aber es war vergebens. Ich bin tief gefallen. Viel zu tief. Jetzt sitze ich hier auf einer einsamen Insel, in der Psychiatrie. Gefangen im Alptraum meines Lebens. Das Meer kann ich von weitem hören, das Rauschen, die Freiheit und Unendlichkeit des Ozeans. Es ist so präsent, dass ich das Salz auf meiner Haut kleben spüre. Aber sehen kann ich es nicht. Bin gefangen, weil ER mich gefangen hält. Vor mir liegt die Postkarte mit den drei Worten: „Du bist schuld!“ Und täglich quält mich aufs Neue diese eine Frage, immer und immer wieder. Wie konnte ER das nur tun? Sich umbringen. Mir diese Nachricht hinterlassen. Ich bin fassungslos, leer, allein. Nie wieder werde ich glücklich sein. Zu viel geopfert, um in seiner Nähe zu sein und was tat er …???

 

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Du bist schuld – Teil 103


Zwei Jahre vor der Schuld
Sardinien:
Tagebucheintrag von Ellie:

Es ist acht Uhr morgens. Auf dem Herd kocht mein Kaffee, und ich versuche, die frühe Stunde zu nutzen, um meine Gedanken niederzuschreiben. Heute Nacht habe ich geträumt, dass sich eine Schlange um meinen Hals gewickelt hat, mit der ich einen unendlichen Kampf ausfechten musste. Gott sei Dank bin ich irgendwann aufgewacht. Jetzt frage ich mich, ob ich davon geträumt habe, weil ich gestern eine auf meiner Wanderung gesehen habe. Oder liegt es vielleicht an meinem Gefühl, dass sich mir etwas um den Hals gelegt hat, von dem ich mich gerade versuche zu befreien? Vielleicht ist es die Situation hier, weil wir zwar einerseits frei sind, aber dann doch wieder nicht. Eventuell sind es aber auch die letzten Tage voller Streitigkeiten mit Maurizio, die mir die gelockerte Schlinge wieder enger um den Hals ziehen. Manchmal, mittlerweile eigentlich meistens, ist es so, dass mich Riesenwut und Hass überfallen und ich beides nicht mehr loswerde. Ich raste aus und weiß, dass ich mich wie eine Psychopathin verhalte. Aber ich kann es in solchen Momenten einfach nicht mehr kontrollieren. Als würden alle Ungerechtigkeiten und Verletzungen in diesem einen Moment wie Flammen vor mir aufschlagen. Es gibt keine andere Möglichkeit. Ich muss einfach durchdrehen und Maurizio weh tun, um dieses leicht entzündliche Feuer, das immer in mir schlummert und nur darauf wartet, entfacht zu werden, endgültig löschen zu können. Dafür schäme ich mich und am Ende bin ich nur noch zutiefst traurig und verbittert. Danach stellt sich mir die Frage, woher diese Entwicklung kommt. In meiner Familie gab es nie Schreie oder Gewalt. Ich bin auch noch nie so ausfallend und wütend gegenüber einer anderen Person geworden. Das passiert nur mit und bei Maurizio. Ein Schalter legt sich um und ich bin nicht mehr ich. Dann stehe ich nur noch hilflos neben mir und beobachte mich, aber aktiv eingreifen kann ich nicht. Es ist immer der gleiche Prozess. Nachdem ich ausraste folgt das Schamgefühl und die Frage, wie das nur passieren konnte. Ich denke, der Hass, den ich in diesen Zeiten gegenüber Maurizio verspüre, hat seinen Ursprung mal in großer bedingungsloser Liebe gehabt. Vielleicht in zu großer Liebe und Anbetung. Aber die Stärke und Intensität einer Liebe lassen sich nicht beeinflussen. Sie ist einfach da und überfällt dich. Da hat der Verstand nicht mehr viel zu melden. Nur wer für jemanden eine solche Art des Hasses empfindet, hat für diesen Menschen auch viel empfunden. Denn wer seine Liebe verletzt sieht, wessen Liebe mit Füßen getreten wurde, nur der kann auch diesen Hass empfinden. Es ist eine tiefe Verletzung, die immer in einem schlummert und einen in gewissen Momenten in ein tiefes Loch voller Verletzungen, Höllenqualen und schrecklicher Erinnerungsflammen zieht. Warum kann man nicht einfach bei null anfangen? Ich wünschte es mir so sehr. Alles hinter mir zu lassen. Endlich von innen gereinigt und nur noch voller positiver Gefühle zu sein. So wie es mal war. Wunderschön! Einfach auf den Reset-Knopf drücken, die Liebe neu starten und den gemeinsamen Traum leben…
Irgendetwas läuft falsch. Der Mensch kann sich kaum noch an die eigene Kindheit erinnern, erst recht nicht an die ersten, doch so entscheidenden Lebensjahre. Warum hat Gott das so entschieden, wenn es ihn wirklich gibt? Müsste das nicht eine unserer schönsten Erinnerungen sein? Die Freude der Menschen zu erinnern, die einen sehen, auf den Arm nehmen, liebevoll berühren? Auf der warmen Brust der Mutter einzuschlafen, umsorgt zu werden und wohlbehütet zu sein? Oder würde uns dann die Abnabelung von der Mutter oder den Eltern beim Prozess des Erwachsenwerdens zu schwerfallen? Ich weiß es nicht und kann es nicht verstehen. In der Realität tragen wir anstelle dieser wärmenden Erinnerungen immer mehr innere Verletzungen, Niederlagen und Enttäuschungen mit uns und in uns herum, von Jahr zu Jahr, je älter wir werden. Wir werden sie nicht mehr los und können sie auch nicht vergessen. Soll das wirklich so sein? Ist das der Sinn des Lebens? Fällt es uns deshalb leichter zu sterben, das Leben hinter uns zu lassen, uns zu lösen von allem Irdischen? Verbittert zu gehen, da die negativen Empfindungen überwiegen? Erlöst durch den Tod? Es ist vielleicht DIE Aufgabe des Lebens, zu verzeihen, vielleicht die größte Aufgabe, die wir haben. Ich muss nicht nur Maurizio verzeihen, sondern auch so einigen anderen, die mir im Leben begegnet sind und auch noch begegnen werden. Wann soll ich damit anfangen? Ich will meinen Seelenfrieden finden und nicht mehr von den Träumen der Vergangenheit eingeholt und belästigt werden. Möchte all die verletzten Gefühle in mir nach und nach loswerden und bekämpfen, um dann vielleicht auch endlich Maurizio und auch mir selbst verzeihen zu können. Denn so können wir beide nicht weitermachen. Ein Pulverfass, das jederzeit explodieren kann. Wir müssen beide lernen, uns wieder aufeinander einzulassen und zu respektieren. Ohne negative Gefühle, Erinnerungen, Hass und Verbohrtheit. Irgendwann möchte ich voller innerer Überzeugung sagen können: „Maurizio, ich verzeihe dir! Und ich hoffe, du verzeihst mir auch.“ Wenn wir das schaffen, können wir unsere gemeinsame Zukunft angehen, planen, leben und erleben. Aber erst dann! Und ich weiß, noch bin ich nicht so weit. Ehrlich gesagt frage ich mich, ob ich es jemals sein werde.
Wie auch, wo ich noch nicht einmal sicher bin, wer ich eigentlich wirklich bin…

 

Du bist schuld – Teil 102


Zehn Tage nach der Schuld
Wangerooge:

Der Mann kam ihr ganz nah, berührte ihre Wange, roch an ihrem Haar und flüsterte ihr etwas in ihr Ohr. Dann legte er eine Karte in das aufgeschlagene Buch, das vor ihr lag. Sie sah es, spürte seine Präsenz, doch ihr Gehirn war nicht in der Lage, das Gesehene zu verarbeiten. Nur ihr Körper reagierte mit einer Gänsehaut, als sie den Duft des Mannes wahrnahm. Doch Ellie konnte nur weiterhin regungslos auf das Buch starren, das nun zugeschlagen vor ihr auf dem Tisch lag und aus dem nur eine kleine unscheinbare Ecke einer Postkarte heraushing. Fünf Minuten nachdem der Mann sich von ihr entfernt hatte und leise ihre Zimmertür verschlossen hatte, verschwand auch ihre Gänsehaut wieder.

 

Du bist schuld- Teil 101


Tagebucheintrag von Ellie:
Sardinien:

Der Stress und die Daueranspannung der letzten Jahre sitzen noch fest und tief in meinem Inneren. Doch von Tag zu Tag merke ich eine langsame, aber immer klarere Lösung davon, als würde jemand in mir mit Hammer und Meißel den Kalk um mein Herz nach und nach abklopfen. Das Wichtigste ist, der Seele so viel Zeit zu geben, wie sie benötigt, und mit Geduld jeden einzelnen Schritt nach vorne zu schreiten. Die Seele, das Allerheiligste eines jeden Körpers, braucht sehr, sehr viel Zeit. Sie kann nicht mit dem Verstand oder einem Wunsch bezwungen werden. Stattdessen nimmt sie sich die Zeit, die sie braucht. Wird sie unter Druck gesetzt, so gibt es einen Stillstand, eine Art Rebellion gegen den gesamten Rest des Körpers. Sie hat die ganze Macht, und wenn du sie nicht respektierst, wirst du dich selbst, deinen Körper und auch die Menschen, die du liebst, nach und nach verlieren. Denn sie kann heilen, aber auch zerstören. Ist Wunde und Pflaster zu gleichen Teilen. Also sei schlau und höre auf das, was sie gerade braucht. Denn sonst wirst du dich selbst verlieren.  Meine hat in den letzten Jahren immer wieder geschrien, aber ich habe sie nie erhört und sie nach und nach hinter einer Mauer tief in meinem Inneren versteckt und vergraben. Mein Weg, so dachte ich, sei weiterzumachen, Stärke zu zeigen. Doch das war falsch. Nun weiß ich, dass ich dumm war und nur aus reinem Überlebenswillen das tiefe Loch in mir zugemauert habe. Aber die Seele ist stark und sie explodiert, wenn sie keine Luft mehr zum Atmen hat. Dann zerbricht die Mauer, die du um sie herum errichtet hast, in Millionenstücke und verletzt alle inneren Teile deines Körpers. Macht dich kaputt und reißt überall Wunden auf mit den scharfen Kanten der zerbrochenen Mauerstücke. Verletzungen, die nur schwer verheilen, da sie tief sitzen und dicke Furchen im Herzen hinterlassen. Deshalb mache nicht den Fehler und baue deine Seele zu, sondern höre immer und zu jedem Zeitpunkt auf sie. Gib auf! Höre auf zu kämpfen, wenn sie dich anschreit und dir sagt, dass sie nicht mehr kann. Ignoriere sie nicht, sondern höre immer auf sie! Löse dich von all dem Gift, wenn die sie dir sagt, dass sie gerade daran zerbricht! Warte nicht, bis sie bereits zerrissen ist und du nicht mehr weißt, wie es weitergehen soll, weil du deine Geduld, deinen Kampfwillen, deine Stärke und am Ende vielleicht auch all deine Liebe zerstört hast! Du selbst, nur du ganz allein bist für dein Seelenheil verantwortlich!

 

Du bist schuld – Teil 100


Ob er sie überhaupt noch liebte, war ihr nicht klar. Er sagte es zwar ständig, aber sie spürte es nicht mehr. Und nach all dem, was in Berlin passiert war, hatte sie auch ein gutes Recht, daran zu zweifeln. Dennoch saßen sie beide hier, obwohl sie sich vorher das Leben zur Hölle gemacht hatten. Als Ellie vor Wochen in das Flugzeug gestiegen war, wusste sie, dass nicht nur Liebe, sondern auch Hass sie mit Maurizio verband. Diese Erkenntnis war furchtbar und hatte ihr erneut das Herz gebrochen. Zu wissen, dass sie so viel falsch gemacht hatten in all den Jahren und nun zwei zerrüttete Personen waren, die noch einmal um ihre Liebe kämpfen wollten und vor allem mussten. Die womöglich letzte Chance für ihre Beziehung zu nutzen. Ihr war klar, dass sie dafür all ihren aufgestauten Hass überwinden musste, um wieder diese tiefe, einzigartige und wahre Liebe spüren, fühlen, geben und leben zu können. Doch Maurizios Desinteresse machte es ihr nicht immer unbedingt leicht. Die Frage, ob er eigentlich auch hier war, um die Beziehung zu retten, oder ob es ihm wieder nur um sich und seine Geschichte ging, drängte sich immer lauter in ihr Denken. Denn weder die Anteilnahme noch das Interesse ihr gegenüber schienen besonders groß zu sein. Zudem begann das Karussell in ihrem Kopf immer wieder zu laufen und durchzudrehen. Spielte die Bilder, Erinnerungen, Verletzungen und Gefühle der letzten Jahre vor ihrem geistigen Auge ab. Sie kam davon einfach nicht los. Es gab keine Möglichkeit, dem Kreislauf zu entkommen, außer einer, dem Absprung. Doch das hatte sie nicht geschafft. Sobald sich alle Szenen abgespult hatten, blieb nur noch eine Frage offen: „Warum bin ich überhaupt noch mit ihm zusammen?“
„Tja“, dachte sie sich jedes Mal, „wohl aus Liebe oder Dummheit! Wahrscheinlich ist eh beides untrennbar voneinander.“ Um das herauszufinden, war sie ja nun auch hier mit Maurizio, dem Mann, für den sie alles getan hätte, um ihn nicht zu verlieren, und mit dem sie sich schließlich selbst verloren hatte.

 

Du bist schuld – Teil 99


Zwei Jahre vor der Schuld
Sardinien:

Ellie und Maurizio saßen gemeinsam am Frühstückstisch, tranken Espresso und aßen Müsli. Die beiden befanden sich an einem ganz besonderen Ort, auf Sardinien. Nachdem sie sich für eine mehrmonatige Auszeit entschieden hatten, bewohnten sie dort nun seit einigen Wochen eine einsam gelegene Farm. Um sie herum gab es nur Natur, mit dem immerwährenden Ausblick auf die Berge und den wunderschönen Ozean. Die wahre Schönheit dieses Stückchens Erde ließ sich kaum in Worte fassen. Sie bewohnten ein heruntergekommenes einstöckiges Steinhaus mit einer Küche, einem Wohnzimmer, Schlafzimmer, Badezimmer und einem Arbeitszimmer in einem kleinen Nebenhaus. Das Haus besaß weder einen Fernseher noch Internet oder Telefon. Beheizt wurde es mit einem Ofen im Wohnzimmer und im Bad, der auch zur Warmwasserzubereitung diente. Auf dem großen Grundstück standen neben einem Hühnerstall und verschiedenen Felshöhlen noch zwei selbst erbaute Tipis, die ein kühles Plätzchen für die Mittagszeit darboten. Von überall hatten sie einen Ausblick auf das Meer und einen See, der unterhalb ihres Hauses lag und ebenfalls zum Grundstück gehörte.

Sie waren über ein Programm an dieses Angebot gekommen. Dabei galt die Vereinbarung, dass sie die Farm bewirtschafteten, bei der Wein- und Olivenernte und -produktion  mithalfen und somit umsonst und alleine auf der Farm leben und essen durften. Dieses Angebot war perfekt. Die letzten Jahre in Berlin hatten sie beide der laut tosenden Stadt überdrüssig gemacht. Ellie hatte sich dort nie wirklich wohl gefühlt, und der anstrengende Job und die schwierige Beziehung zu Maurizio hatten es nicht besser gemacht. Jetzt wollten sie sich eine zweite, beziehungsweise dritte Chance geben. Auf Sardinien war alles richtig aufregend. Der pure Gegensatz zu ihrem vorherigen Leben in Berlin. Diese tolle Insel mit der unberührten Natur und seinen wunderschönen Stränden, einfach ein Paradies. Die Schönheit konnte sogar ein Blinder bei Nebel und Regenfluten erkennen. Beim Ausblick aus dem Fenster ging Ellie jedes Mal das Herz auf. Sie sah das blau schimmernde Meer bis zum Horizont und die Unweiten ursprünglicher Natur. Kein Haus, keine Nachbarn, keine Menschen, keine Autos waren zu sehen oder zu hören. Nach all den stressigen Jahren in Berlin war das genau das richtige Programm, um wieder zur Ruhe zu kommen. Seit sechs Wochen war sie nun schon mit Maurizio hier und spürte, wie es ihr von Tag zu Tag besser ging. Jeden Morgen ging sie aus dem Haus, schaute in die Natur und atmete tief die nach Kräutern riechende Luft ein. Auf der Farm versorgten sie 30 Hühner, 20 freilaufende Esel und eine Katze. Kümmerten sich um die Tiere und brachten die verkommene Farm wieder auf Vordermann. Für Ellie war diese körperliche Arbeit das Beste, was ihr passieren konnte. Sie liebte die frische Luft und die Bewegung. Hier bekam sie endlich mal ihren Kopf frei, der seit Jahren auf Hochtouren lief und überlastet war. Genauso wie ihr Herz, das sich nach und nach erholen sollte.
„Ich merke, wie es mir immer besser geht und ich mich erhole“, bemerkte sie am Frühstückstisch.
„Aha“, Maurizio schaute kaum auf, als er ihr diese karge Antwort gab, aber Ellie war solche Reaktionen schon gewohnt.
„Hast du wieder eine neue Buch-Idee im Kopf?“ fragte sie interessiert nach.
„Hmmh.“
„Möchtest du mir davon erzählen?“ Da blickte Maurizio sie zum ersten Mal richtig an und erzählte ihr von der Geschichte, die er im Kopf hatte. Ellie liebte es, wenn seine Augen glitzerten und sein Körper voller Ekstase die Stories erzählte, die er den ganzen Tag mit sich herumtrug. Schade nur, dass er sonst eher wortkarg und mit sich selbst beschäftigt war. Früher war das anders gewesen. Jetzt hatte sie häufig das Gefühl, dass Maurizio überhaupt nicht bei ihr war. Es schien, als wäre er immer in Gedanken versunken und nur zum Reden bereit, wenn es um ihn ging. Ellie war hierhergekommen, weil sie so erschöpft war, dass sie einen Zusammenbruch erlitten hatte. Doch Maurizio war hierhergekommen, um ein Buch zu schreiben, mit dem er sich endlich seinen großen Durchbruch erhoffte. Er hatte tolle Geschichten im Kopf und war vom Typ her ein Künstler durch und durch. Er wollte ein berühmter Autor à la Fitzek werden. Eigentlich hatte er diesen Wunsch schon immer gehabt. Da er jedoch einer Hotelfamilie entstammte, hatte er ursprünglich den Weg eingeschlagen, den er gar nicht für sich vorgesehen hatte. Doch irgendwann war er so weit und hatte mit dem Abschluss seines Schreib-Studiums die Hotellerie und Gastronomie hinter sich gelassen. Aber damit hatten auch viele seiner Probleme begonnen.

 

Du bist schuld – Teil 98


Zehn Tage nach der Schuld
Wangerooge:

Ellie saß an dem Tisch in ihrem Zimmer. Ihre Mimik war vollkommen starr. Vor ihr lag seit Stunden ein aufgeschlagenes Buch. Schwester Heidi hatte es ihr dorthin gelegt. Doch sie las es nicht. Sie konnte es gar nicht lesen, da sie einen anderen Raum betreten hatte, den ihres verlorenen Inneren. Alles, was um sie herum geschah, bekam sie nicht mehr mit, hatte aufgegeben. Und so bemerkte sie auch nicht den Mann, der schon seit Stunden in einer Ecke ihres Zimmers stand und sie beobachtete. Nur riechen konnte sie ihn, als er sich langsam auf sie zubewegte. Und sie kannte seinen Duft.