Du bist schuld – Teil 130


Tagebucheintrag von Ellie:
Sommer auf Kreta:

Ich merke, ich kann nicht davonlaufen. Egal, wohin ich gehe, wohin ich ziehe, er ist immer bei mir. Meine Gefühle lassen sich nicht durch Flucht ausblenden. Ich liebe ihn noch immer. Habe eine nie enden wollende Sehnsucht. Weiß nicht, wie ich ihn loslassen soll. Kann ich das überhaupt schaffen? Bin ich dafür nicht zu schwach? Natürlich weiß ich, dass mich niemand verstehen wird, wenn ich das sage, aber heute, an so einem heißen Tag, denke ich an die alten Zeiten zurück. Der Sommer mit ihm in den Weinbergen Bernkastel-Kues, als wir mit Essen, Kaffee und einer Picknickdecke ganz nach oben fuhren und ins Tal hinuntersahen. Oder die Tage mit ihm gemeinsam am Meer in Palma. Und auch die Zeit auf Sardinien schwirrt in meinen Gedanken mit. Die Hitze bei der Arbeit, das Gefühl von Freiheit und die schönen Tage, die wir nach all den harten Jahren auch immer wieder zwischendurch gefunden hatten. Tränen steigen in mir hoch. Trauer erfasst meinen Körper. Ich bin an einem der schönsten Orte, den man sich vorstellen kann, und trotzdem geht es mir nicht gut. Bin einfach nur unendlich traurig. Wohin mit mir? Am liebsten würde ich ihn jetzt anrufen. Doch ich weiß, dass das nichts bringen würde. Stattdessen gehe ich wandern, renne wie eine Verrückte bei über 30 Grad Celsius die Berge hoch, springe ins Meer, schwimme bis zur Atemnot, betäube meine Gedanken. Meine Sehnsucht nach ihm. Und wenn all das keinen Erfolg hat, versuche ich mich zu erinnern, wie sehr er mir wehgetan hat. Manchmal bringt es mir inneren Frieden. Doch an solchen Tagen wie heute hilft mir gar nichts außer der Flucht. Aber wie ich ja mittlerweile weiß, kann die Flucht mich nicht vor meinen eigenen Gefühlen retten. Das Schlimmste ist, dass er auf einmal wieder der Alte ist. Er ist lieb und aufmerksam. Sagt, er würde alles für mich tun, wenn ich ihm noch diese eine Chance geben würde. Wie gerne würde ich das tun. Ich bin immer kurz davor. Doch dann macht mein Herz nicht mit. Es stellt meinem Kopf die Frage, warum er mir so unfassbar wehtun konnte, wenn er mich doch angeblich so sehr liebte. Und egal, wie sehr ich darüber nachdenke, mein Verstand findet einfach keine passende Antwort darauf. Das macht es so unerträglich. Zu wissen, dass ich es nie versteh werde und meine Wunden womöglich nie ganz heilen werden. Es geht sogar so weit, dass ich ihn heute schon wieder gesehen habe. Maurizio stand am Strand, als ich draußen in den Wellen schwimmen war. Ich werde wohl verrückt. Bereits gestern sah ich ihn im Supermarkt. Und das, obwohl ich weiß, dass es nicht stimmen kann.

 

Advertisements

Du bist schuld – Teil 129


Ein Jahr vor der Schuld
Kreta:

Ellie hatte sich vor drei Monaten erneut von Maurizio getrennt. Doch seit der Trennung merkte sie, dass sie gar nicht mehr wusste, wer sie eigentlich wirklich war, welche Wünsche sie hatte und was sie sich vom Leben erhoffte. Ihre Gefühle waren nicht mehr zu orten. Sie wusste nicht mal, ob sie überhaupt noch die Kraft besaß, jeden Tag erneut aufzustehen und weiterzuleben. Was sollte das ganze ohne Maurizio? Aber mit ihm hatte sie auch keinen Sinn mehr gesehen. Lag es vielleicht an ihr? War sie vielleicht gar nicht die, die sie dachte, all die Jahre zu sein? Und woher kamen diese verrückten Fragen? Einige Wochen nach der Trennung begann sie sich zu bewegen und endlich wieder für sich selbst zu sorgen. An ihrem Geburtstag hatte sie sich deshalb ein Flugticket nach Kreta geholt. Sie wollte sich endlich selbst wiederfinden und spüren.

 

Du bist schuld – Teil 128


Sie schüttelte heftig an Marisas Schultern. Diese befreite sich jedoch aus ihrem Griff und rannte zu den Toiletten, deren Tür sie hinter sich versperrte. Ellie haute nun von außen mit ihren geballten Fäusten dagegen und schrie: „Sag es mir! Hat er dich geschickt? Komm raus und sag es mir ins Gesicht! Was will er von mir? Wer steckt noch alles dahinter? Verdammt nochmal, ich will endlich eine Antwort. Mich kriegt ihr nicht klein. Mich nicht! Warum machst du da mit? Hat er dir dafür deine Freilassung versprochen? Komm da raus, du Miststück. Komm raus!“ In diesem Moment erschienen zwei Pfleger und zogen Ellie von der Tür weg. Da sie jedoch weiterhin wie wild um sich schlug und immer wieder schrie, verabreichten sie ihr die bereits bekannte Spritze, die sie nach nur wenigen Sekunden vollends verstummen ließ. Ein letztes, kaum mehr hörbares Flüstern ging über ihre Lippen. „Sie steckt mit ihm unter einer Decke. Holt sie da raus. Fragt sie …“ Doch keiner der Pfleger beachtete ihre Worte, als sie ihren schlaffen Körper gemeinsam auf ihr Zimmer trugen.

Du bist schuld – Teil 127


„Der Professor und das Team. Wir versuchen es jetzt mit Hypnose. Das soll wohl helfen, meine verdrängten Erinnerungen wieder ans Tageslicht zu bringen. Es soll mir helfen, in Kontakt mit meinem Unterbewusstsein zu treten und das Ganze zu verstehen.“
„Puuh, das ist echt eine heftige Geschichte … Wie ist denn dein Name?“
„Marisa.“
„Ah, ok …“ Als Ellie den verblüfften Blick ihrer neuen Bekannten bemerkte, fügte sie hinzu: „Ach, nicht wundern. Ich war nur kurz irritiert, weil ich mal eine sehr gute Freundin namens Marisa hatte. Aber gut, das passiert ja häufiger. Gibt ja schließlich auch nicht nur eine Ellie auf dieser Welt. Tut jetzt auch nichts zur Sache….“ Sie winkte ab. Die beiden Frauen schwiegen sich mehrere Minuten an, bis Marisa wieder das Wort ergriff. „Das Schlimmste ist, dass ich einfach keine Erklärung dafür finde. Ich meine, warum sollte ich meinen Verlobten umbringen? Wir waren doch glücklich und wollten heiraten. Wieso zum Teufel hätte ich das tun sollen? Weshalb habe ich so oft und so obsessiv auf ihn eingestochen? Wo kam plötzlich das Messer her? Und wohin sind meine Erinnerungen verschwunden?“
„Das weiß ich auch nicht, Marisa. Vielleicht war es ein traumatisches Erlebnis für dich, so dass dein Gehirn dich nun schützen möchte. Deshalb sollst du dich wohl nicht daran erinnern. War dein Verlobter denn jemals gewalttätig gewesen, was deine Tat irgendwie erklären würde?“ Marisa schreckte hoch und funkelte Ellie wütend an.
„Was? Nein, niemals. Maurizio hätte mir niemals etwas angetan!“ In dieser Sekunde sprang Ellie auf und schrie ihre Gesprächspartnerin an: „Marisa, Maurizio … Was, verdammt nochmal, wird hier gespielt?“

 

Du bist schuld – Teil 126


Einen Monat nach der Schuld
Wangerooge:

Die sportliche Frau stockte und atmete tief ein und aus, bevor sie fortfahren konnte.
„So langsam brach die Dämmerung ein, so dass wir uns beide schon auf den Rückweg freuten, weil wir dann den Sonnenuntergang über dem Meer hätten sehen können. Wir beide liebten Sonnenuntergänge. Wenn sich diese Kugel orange verfärbt und auf die Erde abstrahlt. Es gibt mir immer ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit. Doch dann …“ Sie stockte und schaute erneut zutiefst betroffen Richtung Boden.
„Dann habe ich ihn mit einem Fischermesser umgebracht. Immer und immer wieder habe ich auf ihn eingestochen, wie eine besessene Frau, die voller Hass und Rache ist.“ Ihre Augen schienen ins Leere zu starren. Ellie schluckte. „Aber du hast doch gesagt, du kannst dich an nichts erinnern …“ Die junge Frau wandte ihren Kopf erneut ihre Richtung. „Ja, das stimmt. Tue ich ja auch nicht. Ich erinnere mich daran, hier gefesselt auf meinem Bett aufgewacht zu sein, anscheinend vollgepumpt mit allen möglichen Beruhigungsmitteln.“ Erstaunt fragte Ellie: „Und warum sagst du dann, dass du ihn umgebracht hast?“
„Weil sie es mir einige Wochen nach meiner Einweisung gesagt haben.“
„Wer sind sie?“

 

Du bist schuld – Teil 125


Zwei Jahre vor der Schuld
Düsseldorf:
Tagebucheintrag von Ellie

Ich frage mich manchmal: Sieht er mich überhaupt noch? Kennt er mich eigentlich so, wie ich wirklich bin? Innerlich zerrissen und leer, dafür voller Selbstzweifel? Woran liegt das wohl? So viel positives Feedback habe ich nun schon in meinem Leben erhalten, aber dennoch ist jeder Zweifel größer als alles andere. Versunken in mir selbst, traue ich mich immer weniger raus und mir kaum noch etwas zu. Bis ich schließlich ganz versinke, in eine körperliche Hülle, die versucht, nach außen hin zu funktionieren. Nada más! Niente di più! Rien ne va plus! Nichts geht mehr! Ich muss da raus. Wo ist deine Kraft geblieben, Ellie? Hol sie dir sofort zurück!!! – Ja, ich muss sie mir zurückholen. Du hast ja Recht. Um meiner selbst willen. Ich muss mich selbst lieben. – Liebe dich endlich selbst! Du bist wertvoll! Du bist schön! Und du musst deinen weiteren Weg ohne ihn gehen!

 

Du bist schuld – Teil 124


Ellie unterdrückte den ersten Impuls des Zurückweichens und fragte schließlich ganz ruhig: „Warum bist du dann hier und nicht im Gefängnis?“ Schluchzend antwortete sie: „Weil ich mich an nichts erinnern kann.“ Nachdem Ellie der Frau einige Minuten Zeit gegeben hatte, um sich wieder zu fangen, fing diese an zu erzählen.
„Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist der weiße Sandstrand und das blau schimmernde Meer. Mein Freund und ich waren auf der Insel, um hier zu heiraten. Still und heimlich, ohne Familie und Freunde. Es war schon immer unser großer Traum gewesen. Wir haben uns ein tolles Hotel ausgesucht und mit dem Standesbeamten im alten Leuchtturm bereits alles geklärt. Es war ein Tag vor der Hochzeit. Wir gingen Arm in Arm spazieren. Am Strand entlang in Richtung Ostspitze. Dort war es so schön ruhig und einsam. Alle Menschen, denen wir zuvor noch begegnet waren, hatten wir hinter uns gelassen. Da waren nur noch wir, unsere Liebe, der Sand, die Möwen und das Meeresrauschen. Die totale Romantik.“