Du bist schuld – Teil 142


Das Foto ihres damaligen Berliner Balkons blickte sie höhnisch an! Anscheinend im Sommer aufgenommen. Die Kästen waren voller bunter Blumen. Von der Perspektive her musste es aus einer der Wohnungen schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite gemacht worden sein. Doch eines war anders. Der Balkon hatte auf diesem Bild eine Aufschrift. So, als hätte ihn jemand mit Graffiti besprüht mit den Worten: „Du hättest mich sehen müssen!“

 

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Du bist schuld – Teil 141


Dieses Mal sah sie es ganz deutlich: Er sah sie an. Und dann hob er seine rechte Hand leicht an und winkte sie mit dem Zeigefinger zu sich heran, bevor er durch seine Tür ging und diese hinter sich zuzog.
„Was für ein schräger Typ“, dachte Ellie sich, konnte jedoch ihre Neugierde nicht unterdrücken. Deshalb folgte sie ihm, sah sich kurz vor seiner Zimmertür um, ob sie jemand beobachtete, und trat schließlich ein. Der junge Mitinsasse saß ganz ruhig an seinem Tisch und starrte auf etwas in seiner Hand. Langsam näherte sie sich ihm. „Hey Benno, ich bin´s, Ellie. Ich weiß nicht, ob ich das richtig verstanden habe … Aber ich dachte, du hättest mich zu dir gewunken. Also, hier bin ich.“ Es folgte keine Reaktion. Sie ging immer näher an ihn heran und bereute schon fast, ihre Zeit bei ihm zu vergeuden. Jetzt war er wieder genauso apathisch wie sonst auch. Da hatte ihr Verstand ihr zuvor wohl mal wieder einen Streich gespielt. Als sie kurz vor seinem Tisch war, drehte er ruckartig seinen Kopf in ihre Richtung. Erschrocken wich sie einen Schritt zurück. Doch dann sah sie, was auf seinem Tisch lag, stürmte auf ihn zu und riss es weg.

 

Du bist schuld – Teil 140


Zwei Monate nach der Schuld
Wangerooge:

„Guten Morgen, Benno“, sagte Ellie, als sie ihm auf dem Flur begegnete. Interessanterweise machte er etwas, womit sie gar nicht gerechnet hätte. Er blieb stehen. Verdutzt tat sie das Gleiche und blickte ihn an. Täuschte sie sich, oder sah er sie diesmal richtig an und nicht wie sonst durch sie hindurch? Das konnte sie nicht eindeutig erkennen. Sie selbst fühlte sich schon seit Wochen so benebelt, dass sie vieles nur noch wie durch einen Schleier wahrnahm. Vielleicht ging es ihr ja genauso wie ihm und er dachte das Gleiche wie sie. Keine Ahnung, was es war. Ob sie den Verstand verlor oder ob man ihr wirklich, wie sie vermutete, Medikamente ins Essen mischte. Bei dem Gedanken daran, dass Benno eigentlich der Normale sei und sie die wahre psychisch Erkrankte, musste sie lachen. Kopfschüttelnd setzte sie sich wieder in Bewegung, als er sie an ihrer Hand berührte, nur ganz sanft, aber spürbar. Erschrocken zuckte sie zusammen, stoppte und drehte sich zu ihm um. Benno hatte sich allerdings schon wieder in Bewegung gesetzt und bog gerade in sein Zimmer ein, als er etwas Erstaunliches tat.

 

Du bist schuld – Teil 139


Ich erschrak und rief nach draußen, wer da sei. Aber niemand antwortete. Mein Herz pochte bis in meine Ohren. Vielleicht war es nur einer der anderen Patienten, der sich in mein Zimmer verirrt hatte. Das passierte schon mal. Also zog ich den Vorhang auf und trat aus der Dusche. Weil ich so lange unter dem wärmenden Nass gestanden hatte, war das Bad nebelig vor lauter Wasserdampf. Irgendein Vergnügen muss man ja hier haben. Im Bad war aber niemand. Schnell öffnete ich die Tür zu meinem Schlafraum, doch auch da war niemand zu sehen. Erleichtert ging ich zurück ins Bad. Doch was ich dann sah, ließ mein Herz so stark schlagen, dass ich nur noch Rauschen auf den Ohren hörte und mir schwindelig wurde. Auf meinem beschlagenen Badezimmerspiegel stand: „Du bist schuld an meinem Leiden.“
Während das Adrenalin noch durch meinen Körper strömte, löste sich der Dampf auf, und auch die Schrift verschwand im Nirgendwo. Als wäre sie nie da gewesen. Und das Schlimmste ist, dass ich nicht mehr weiß, ob sie es jemals war oder ob ich dabei bin, wahnsinnig zu werden. Später habe ich verzweifelt versucht meinen Spiegel anzuhauchen, damit ich die Schrift noch einmal sehen kann. Doch nichts, da war nichts mehr. Was soll das bedeuten? Marisa, ich frage dich, was soll das bedeuten?

 

Du bist schuld – Teil 138


Also, ich ging duschen und genoss den Kokosduft meines neuen Shampoos. Darum hatte ich Tommy gebeten, mir dieses zu kaufen. Es erinnert mich so sehr an Urlaub, Freiheit und Sommer. Wenigstens etwas Träumerei muss doch erlaubt sein. Kannst du dich noch erinnern, dass ich das in Bernkastel-Kues schon immer gemocht habe? Du meintest, ich hätte einen Kokos-Splean. Vielleicht hast du Recht, aber es tut mir halt einfach gut. Wie auch immer, der Pfleger ist wirklich ein feiner Kerl und hat mir  das Haarwaschmittel tatsächlich besorgt. Irgendwie habe ich das Gefühl, er mag mich und weiß tief in seinem Herzen, dass ich nicht hierhergehöre, aber das könnte er natürlich nie offen sagen. Na ja, wie auch immer, im Gegensatz zu Heidi mag ich ihn auch.
Aber ich wollte dir vom Duschen erzählen: Dieser Duft … Ich hatte meine Augen geschlossen und träumte davon, unter einem Wasserfall auf einer karibischen Insel zu stehen. Doch mein Traum wurde durch das Geräusch von Schritten unterbrochen. Und das war keine Einbildung. Nein, ich habe sie wirklich gehört. Den Hall von Schuhen auf Fliesen.

 

Du bist schuld – Teil 137


Ellie verließ den Behandlungsraum und betrat ihr Zimmer, um ihre Aufzeichnungen fortzuführen, die sie mittlerweile im Geiste an Marisa schrieb, damit sie sich nicht so einsam fühlte.
Was für eine Show. Oh Mann, du glaubst es nicht, wie gut ich war: ich sollte einen Oscar bekommen. Selbst so ein exzellenter Psychiater wie Professor Münch merkt nicht, was mit mir los ist. Auf dem Weg der Besserung … Bla, bla. Was für ein Geschwafel ich hier von mir geben muss, damit ich eine Chance habe, hier bald rauszukommen. Aber das Hotelwesen war wirklich eine gute Schule, Marisa. Das weißt du ja selbst. Auch wenn man einen schlechten Tag hatte oder zu Hause die Welt unterging, haben die Gäste das zu keinem Zeitpunkt bemerkt. Stattdessen haben sie immer ein Lächeln von mir bekommen und tolle Geschichten gehört, auch wenn in mir selbst alles wütete. Und so ist es jetzt auch. Am liebsten hätte ich ihm von dem erneuten Vorfall heute früh erzählt, aber dann wäre ich wieder die „Verrückte“ gewesen. Nein, den Fehler mache ich nicht nochmal. Ich will keinen einzigen weiteren Tag ans Bett gefesselt werden.
„Ich verstehe, dass Sie das machen müssen, Herr Professor.“ Was für eine gequirlte Grütze ich ihm da gerade erzählt habe. Natürlich habe ich dafür überhaupt kein Verständnis. Solch eine Methode nenne ich Freiheitsberaubung! Aber wenn ich wieder aufmüpfig werde, passiert genau das, was ich verhindern will. Deshalb habe ich ihm auch nichts erzählt. Wenigstens habe ich die Möglichkeit, meine Gedanken heimlich aufzuschreiben. Dieses ganze Drama für mich zu behalten, fällt mir unendlich schwer und ist ein Riesenkampf. Das Niederschreiben macht es etwas erträglicher. Heute früh vor dem schlimmen Ereignis, war ich noch relativ entspannt, da bis zu dem Zeitpunkt nun tatsächlich schon seit Längerem nichts mehr passiert war. Und dass es mir wirklich besser ging, war ja auch nicht gelogen. Wahrscheinlich ist es wirklich so, wie der Professor sagt. Man arrangiert sich mit der Situation. Aber ich habe mich Gott sei Dank noch nicht voll damit abgefunden. Und kämpfe weiter. ICH WILL HIER RAUS, und deshalb wird es nie passieren, dass ich akzeptieren werde, hier eingesperrt zu sein. Aber nun zu heute früh: ich muss das hier niederschreiben, um es mir selbst erneut bewusst zu machen…

Du bist schuld – Teil 136


Sechs Wochen nach der Schuld
Wangerooge:

„Wie geht es Ihnen heute, Ellie?“ Tief in Gedanken versunken saß sie auf dem Sofa des Professors.
„Danke, gut“, antwortete sie schon fast automatisch. Sie spielte ihre Show, eine perfekte Show.
„Was können Sie mir über die letzten Wochen erzählen? Wie sehen Sie sich selbst mittlerweile und die Erlebnisse, die sie hatten?“
Ellie dachte einen Moment nach. Dann begann sie zu erzählen.
„Na ja, es ist mir immer noch peinlich, dass ich damals so durchgedreht bin im Fitnessraum. Ich kann mir auch bis heute nicht erklären, wie das passieren konnte. Anscheinend hatten Sie Recht und ich war ich nicht ganz bei Sinnen zu dem Zeitpunkt. Mittlerweile weiß ich ja auch, dass es diese Marisa nicht gegeben hat und auch nicht das angebliche Gespräch zwischen ihr und mir. Dass die Postkarten nichts mit mir zu tun hatten, habe ich nun auch begriffen. Wenn ich darüber nachdenke, kann ich auch nur mit dem Kopf schütteln.“
Der Professor nickte zufrieden und machte sich nebenbei Notizen. Ellie fuhr fort.
„Meines Erachtens war ich einfach überfordert mit dem Tod von Maurizio und meiner Schuldfrage, die ich mir natürlich gestellt habe. Da hat mir mein Geist einen Streich gespielt. Posttraumatische Belastungsstörung oder wie auch immer Sie das nennen würden. Na ja, auf jeden Fall hat mir die Zeit danach in meinem Zimmer geholfen, um wieder klare Gedanken fassen zu können. Auch wenn ich es furchtbar finde, ans Bett gefesselt zu werden und mir wünsche, dass dies nie wieder nötig sein wird. Aber ich weiß ja, dass Sie das nur zu meinem Schutz und dem der anderen Patienten gemacht haben. Ich bin mir aber auch sicher, dass das jetzt nicht mehr nötig sein wird. Gerade fühle ich mich richtig gut. Es ist nichts mehr passiert, was mich oder Sie beunruhigen müsste. Und somit gehe ich davon aus, dass ich auf dem Weg der Besserung bin.“ Sie lächelte Professor Münch an. Überzeugend zu lächeln, auch wenn sie es nicht so meinte, hatte sie ja gelernt in der Hotellerie. Er lächelte zurück, legte sein Notizbuch zur Seite und setzte seine neongrüne Brille ab.
„Das hört sich doch schon mal alles ganz gut an, Ellie. Sehr schön. Das freut mich. Ich habe auch das Gefühl, Sie haben sich so langsam erholt und mit der Situation arrangiert. Wenn Sie so weitermachen, werden wir sicherlich noch einiges an Ihnen entdecken, was Sie noch nicht wussten oder nicht wissen wollten. Wir können nun damit beginnen, Ihre Vergangenheit in der Tiefe aufzuarbeiten, die für Sie nötig ist, da Sie nun einen stabilen Eindruck auf mich machen. Sollten Sie in alte Muster zurückfallen oder wieder halluzinieren, sagen Sie mir das bitte rechtzeitig. Dann müssen wir etwas langsamer voranschreiten. Zudem werde ich nun auch wieder die Hypnose als therapeutisches Mittel mit einsetzen. Das letzte Mal habe ich das getan, als sie in eine Apathie verfallen sind. Da konnte ich Sie nicht um Ihr Einverständnis bitten. Doch dieses Mal sind Sie voll zurechnungsfähig. Deshalb muss ich Sie fragen, ob Sie damit einverstanden sind?“
„Ja, wenn Sie das für richtig halten.“ Er stand auf und holte einen Zettel von seinem Schreibtisch, den er ihr herüberreichte.
„Sehr schön. Dann unterschreiben Sie bitte diese Erklärung. Und ja, ich halte es für angemessen. Es dient der tiefen Erforschung Ihres Unterbewusstseins und hilft, Verdrängtes auf sanfte Art und Weise hervorzurufen, ohne dass Sie dabei zu Schaden kommen.“
„Verdrängtes? Aber was meinen Sie damit? Ich habe ja nichts verdrängt.“
„Das denken Sie, aber die Erfahrung hat doch schon anderes gezeigt und Dinge hervorgebracht, mit denen meine Patienten zuvor nicht gerechnet haben.“
Ellie sah ihn verblüfft an. Doch er reagierte nicht auf ihren fragenden Blick. Stattdessen sah er auf die Uhr und sagte: „So, wir sind dann jetzt für heute am Ende angekommen. Ich wünsche Ihnen einen schönen restlichen freien Tag. Wir sehen uns dann morgen wieder.“