Du bist schuld – Teil 156


„Also, es ist ziemlich traurig. Elisabetta hat sich nach dem Vorfall das Leben genommen. Wir haben sie zwar ruhiggestellt, aber irgendwie hat sie es geschafft, sich aus dem Bett zu befreien und zu erhängen. Ich hab keine Ahnung, wie sie das ohne fremde Hilfe gemacht hat, aber sie hat es geschafft. Diese Frau schien unfassbare Kräfte zu besitzen, wie eine Löwenmama. Anscheinend hatte sie irgendwas so aus der Bahn geworfen, dass sie keinen anderen Ausweg mehr gesehen hat.“
Ellies Beine zitterten. Sie versuchte sich selbst wieder unter Kontrolle zu bringen, indem sie ihre Finger fest in die Oberschenkel presste.
„Das ist ja furchtbar. Ach herrjeh, die arme Frau.“ Dann drehte sie sich um und verließ den Pfleger, der ihr hinterherrief.
„Ey, Ellie?“ Sie blieb stehen und sah noch einmal mit fragendem Blick zu ihm zurück. „Ja?“
„Sie denken ja dran … Kein Wort zu niemandem, okay?“
„Ja, klar, Tommy, wie besprochen. Danke für die Info.“ Sie konnte nicht schnell genug in ihr Zimmer zurückkehren, wo sie weinend auf den Boden sank und ihrer Verzweiflung freien Lauf ließ.
„Schon wieder ein Mensch, der mir die Schuld gibt an seinem Selbstmord! Was habe ich nur getan? Was habe ich getan? Bin ich wirklich schuld an all diesem Unglück? Sprich zu mir, Marisa!“

 

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Du bist schuld – Teil 155


Fünf Monate und eine Woche nach der Schuld
Wangerooge:

Ellie hatte Elisabetta nach dem Vorfall im Frühstückssaal nicht mehr gesehen. Aber natürlich, es wunderte sie kaum noch, wo doch schließlich alle bisher verschwunden waren, die etwas mit den versteckten Botschaften an sie zu tun gehabt hatten. Komischerweise war der Einzige, der konstant an ihrer Seite blieb, Benno. Doch aus dem bekam sie kein einziges Wort heraus. Dieser Mann war wirklich vollkommen in sich und seine eigene Welt versunken. Auch die vermeintlich klaren Momente, die sie in seinen Augen hatte sehen wollen, hatte es wohl nie wirklich gegeben. Doch die italienische Frau wurde unter großem Aufruhr der Patienten aus dem Saal gebracht. Deshalb konnte man ihr dieses Mal nicht weismachen, sie hätte nie existiert. Also hielt Ellie den Pfleger Tommy auf dem Flur an.
„Hallo Tommy. Kann ich Sie mal was fragen?“ Er blieb stehen, schenkte ihr ein warmes Lächeln und pustete sich eine blonde Haarsträhne aus einem Gesicht.
„Klar, Ellie. Schießen Sie los? Wo drückt der Schuh?“ Sie mochte ihn, er hatte einfach so was Schelmisches und Jungenhaftes an sich. Fast wie Maurizio früher einmal. Ihre Frage sollte ganz nebensächlich klingen, so als hätte sie kaum Bedeutung für sie selbst. Schließlich wollte sie nicht erneut ins Visier des Personals geraten, indem man ihr vorwarf zu halluzinieren.
„Neulich, da haben Sie doch diese Frau, Elisabetta hieß sie glaube ich, an meinen Tisch gesetzt, oder?“ Sein Lächeln verschwand innerhalb einer Sekunde, was ihr einen kurzen Schrecken einjagte. Hatte es sie etwa nicht gegeben? Aber er erlöste sie und nickte.
„Ja, ist richtig. Wieso?“ Ihre plötzlich aufkommende Aufregung ließ sie sich nicht anmerken. Sie war also tatsächlich da gewesen. Dieses Mal war es eindeutig keine Einbildung gewesen.
„Na ja, ich habe sie vermisst in den letzten Tagen und mich gefragt, was mit ihr geschehen ist. Sie schien ja ganz schön durch den Wind gewesen zu sein.“
Tommy machte ein trauriges Gesicht.
„Hmmh, ich weiß nicht, ob ich Ihnen das überhaupt erzählen darf.“ Er druckste herum. Ellie versuchte ihre Nervosität zu unterdrücken. Am liebsten hätte sie ihn gepackt und die Worte aus ihm herausgeschüttelt. Stattdessen sagte sie locker: „Wüsste nicht, wem ich es hier erzählen sollte“, und lächelte dabei überzeugend. Tommy sah sich um.
„Ach ja, Sie haben ja Recht. Aber kein Wort zum Professor oder Heidi, okay?“ Ellie nickte und konnte die Spannung kaum noch aushalten.

 

Du bist schuld – Teil 154


Zwei Jahre vor der Schuld
Düsseldorf:

„Es hängt mir so zum Hals raus! Wann war denn ich das letzte Mal real für dich, Maurizio? Wann?“ Doch er nahm sie weder wahr, noch ihre Verzweiflung ernst.
„Du stehst mir nur im Weg! Wegen dir lebe ich in einer beschissenen Stadt, in der ich keine Freunde habe, und habe keinen beruflichen Erfolg! Du bist schuld!“
Dann ging er raus und zog mit einem lauten Knall die Wohnungstür hinter sich zu. Sie drehte drinnen durch, schlug so lange mit ihren Fäusten gegen die Wand, bis sie rot anschwollen.

 

Du bist schuld – Teil 153


Gerade als sie die Augen wieder öffnete, sah sie Tommy, der soeben eine neue Patientin zu ihrem Tisch führte und sagte: „Hier wird nun Ihr Sitzplatz sein, Elisabetta. Lassen Sie es sich schmecken.“ Ellie musterte die neue Tischnachbarin, eine interessante Dame um die Mitte fünfzig mit langem schwarzen Haar und markanten Gesichtszügen. Sicher war sie mal eine sehr rassige Schönheit gewesen mit der Ausstrahlung einer ehemaligen Grande Dame, doch sie wirkte auch etwas verbraucht. Aber kein Wunder, wenn man hier hinkam. Ellie schätzte, dass sie, dem Namen und ihrem Aussehen nach zu urteilen, Italienerin sein dürfte. Eine dieser typischen Frauen, die so viel Charisma besaßen, dass man die Augen nicht abwenden konnte, egal, welches Alter sie hatten. Sie verpürte große Lust, sie näher kennenzulernen. Vielleicht hatte sie dann endlich mal eine Mitinsassin, mit der sie sich unterhalten konnte. Also versuchte sie ihr Glück und sprach sie auf Italienisch an.
„Ciao, Elisabetta. Come stai? Il mio nome è Ellie. Sei arrivata oggi o ieri qua?“ Die Frau hob ihren Kopf und sah sie mit funkelnden, wunderschönen blauen Augen an. Einem kurzen Lächeln folgte ein schmerzverzerrter Ausdruck. Mit beiden Händen haute sie so stark auf den Tisch, dass Ellie ihren Löffel fallen ließ. Und dann schrie sie: „Siete la colpa per la mia sofferenza! Siete la colpa per la mia sofferenza! Siete la colpa per la mia sofferenza! Siete la colpa per la mia sofferenza!“ Im Takt dazu schlug sie weiter mit ihren Händen auf den Tisch ein. Immer und immer wieder schrie sie diese Sätze heraus, voller Leid und Leidenschaft, so lange, bis sie von Tommy aus dem Zimmer gebracht wurde, wo sie kurz darauf, das wusste Ellie, auf die übliche Art und Weise ruhiggestellt wurde. Die Schwestern hatten viel damit zu tun, den Aufruhr im Frühstückssaal wieder zu beenden. Nur Ellie war starr sitzen geblieben. Denn sie wusste, was diese Worte zu bedeuten hatten: „Du bist schuld an meinem Leiden! Du bist schuld an meinem Leiden! Du bist schuld an meinem Leiden! Du bist schuld an meinem Leiden!“ Diese Botschaft ging ihr durch alle Zellen ihres Körpers. So oft hatte sie diese Worte schon in ihrem Leben gehört. Maurizio hatte sie viel zu oft genutzt. Betäubt stand sie auf und verließ den Saal. Sie sah niemanden mehr, nahm keinen wahr. Wie ferngesteuert ging sie auf ihr Zimmer und übergab sich dort.

 

Du bist schuld – Teil 152


Wie jeden Morgen saß sie auch an diesem Tag mit ihren zwei männlichen Tischnachbarn am Frühstückstisch und genoss ihr Müsli und den wässrigen Kaffee. Sie vermutete, dass es sich sogar um koffeinfreien Kaffee handelte. Wie lächerlich. Ellie schloss die Augen und träumte von einem ordentlichen italienischen Espresso, den sie sich gönnen und genießen würde, sobald sie wieder draußen wäre. Diese fade Suppe konnte man nun wirklich niemandem anbieten. Manchmal bat sie den Professor nach der Hypnose um einen Espresso aus seiner Maschine, wenn sie ihr Nachgespräch führten und noch etwas Zeit übrig blieb, bevor der nächste Patient kam. Vor der Sitzung war es verboten, aufputschende Getränke zu sich zu nehmen, da es sonst die Hypnose hätte beeinträchtigen können. Wahrscheinlich boten sie deshalb diese Brühe als Kaffee an. Sie genoss es richtig, mit dem Professor noch einen Espresso zu trinken. Denn dann unterhielten sie sich einmal nicht wie Arzt und Patient, sondern wie zwei gleichgestellte Erwachsene, auch wenn er weiterhin nichts von sich selbst preisgab. Solche Gespräche fehlten ihr, denn sie konnte sie mit den anderen Bewohnern nicht führen und gerade deshalb waren sie so wertvoll.

 

Du bist schuld – Teil 151


Ellie wollte einfach nur noch gut mitarbeiten, um dann irgendwann wieder in Freiheit sein zu können. Die Tage hatten fast immer den gleichen Ablauf, vergingen schematisch und sehr schnell. Es war fast so wie damals. Als sie noch arbeiten ging und die Wochen dank der Routine im Nullkommanichts verflogen waren.
„Früher!?“, dachte sie sich. „Mein Früher ist gar nicht so lange her, und trotzdem kommt es mir wie ein Ewigkeit vor, ein anderes Leben. Das ich nicht mehr führen kann, vielleicht auch zu Recht nicht mehr führen darf. Wer weiß das schon? Wer bin ich denn wirklich? Was ist denn überhaupt real? Mein Früher ist zum Greifen nah, und doch kann ich nicht zu ihm, geschweige denn meinem wahren Selbst durchdringen.“

 

Du bist schuld – Teil 150


Fünf Monate nach der Schuld
Wangerooge:

Ellie hatte die Suche nach Marisa aus dem Fitnessraum und dem unbekannten Tänzer aufgegeben. Sie ging fast täglich zu ihren Hypnosesitzungen bei dem Professor. Wie sie sich mittlerweile fühlte, konnte sie nicht mehr richtig sagen. Irgendwie durcheinander, das wusste sie, aber in welcher Art und Weise, konnte sie nicht definieren. Ihre Gedanken lagen undurchsichtig unter ihrem Bewusstsein wie der Nebel über dem Tal. Es war kein Durchdringen mehr zu ihnen möglich. Zudem fühlte sie sich häufig müde, schwach und erschöpft. Der Professor sagte, das sei ganz normal, da sie durch die Hypnose sehr intensiv mit ihrem Unterbewusstsein in Kontakt treten würde und somit dauerhaft mit sich selbst arbeiten müsste. Die vielen dort versteckten, aber durch die Hypnose, ins Bewusstsein gelangenden Erinnerungen und Emotionen kosteten viel Kraft. Aber sie machte weiter mit den Sitzungen, auch wenn sie nicht wusste, ob es ihr wirklich etwas brachte. Zuweilen empfand sie eine Distanz zu ihrem eigenen Leiden, als hätte sie all das gar nicht selbst durchlebt. Und das fühlte sich gut an. Ihr innerer Schmerz ließ nach, also schien die Hypnose ja vielleicht etwas bei ihr zu erreichen. Inzwischen war sie über fünf Monate in dieser Einrichtung und hatte immer noch den großen Wunsch, wieder herauszukommen. Deshalb hatte sie sich von ihrer Suche und ihrer Interpretation der vermeintlich geheimen Botschaften distanziert.