Du bist schuld – Teil 182


Eine Woche vor der Schuld
Wangerooge:

Sie lief am Meer entlang. Die Sonne schien und ließ das blaue Meer funkeln. Der Wind war so stark, dass ihr die Haare immer wieder ins Gesicht fielen und leichte Sandböen über den weiß glitzernden Strand zogen. Mit einem Mal lief sie los. Rannte und rannte und rannte. Normalerweise joggte sie nicht, hasste es sogar regelrecht. Doch dieses Mal war es anders. Eine ganze Stunde lief sie, ohne auch nur einmal außer Atem zu kommen. Es war eher das Gegenteil. Je weiter sie lief, desto mehr spürte sie, dass sie Luft bekam. Sie fühlte die Kraft des Meeres und nahm sie auf, als wäre sie selbst ein Teil des Ozeans. Mit einem Mal stoppte sie und lachte, wie sie es schon lange nicht mehr getan hatte. Ihre Ausgelassenheit drückte das aus, wie sie empfand: sie war unfassbar glücklich und stark in diesem Moment. So laut sie nur konnte, brach das Lachen aus ihr heraus. Niemand außer ihr konnte sie hören. Und da wusste sie es: An diesem Ort würde sie sich endlich befreien von all ihren düsteren Dämonen, Gedanken und Erinnerungen. Hier würde sie bleiben und hier würde sie sterben. Sie hatte es endlich geschafft. Dann schrie sie all den Schmerz der letzten Jahre heraus. Der Wind trug ihre Worte auf das Meer hinaus, wo sie in der Unendlichkeit des Wassers verschwanden und verstummten.
„Ich bin frei! Ich bin frei! Ich bin frei!“

 

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Du bist schuld – Teil 181


Am Nachmittag war es endlich so weit. Marisa konnte es kaum erwarten und hüpfte schon seit Stunden mit einem Dauergrinsen hin und her. Als sie aus der Einrichtung traten, merkte sie das erste Mal, dass sie nur durch eine Düne vom Meer, von ihrem geliebten Meer, getrennt gewesen war. All die langen Monate. Nachdem sie sie erklommen hatte, stellte sie sich gemeinsam mit den anderen direkt ans Ufer, hob ihren Kopf Richtung Himmel und genoss mit geschlossenen Augen die Sonnenstrahlen, die ihr das Gesicht wärmten, während sie dem beruhigenden Klang der Wellen lauschte. In ihrem Atem spürte sie die einzigartige, klare und reine Luft des Meeres ein. Ein wunderschönes, befreites Lächeln machte sich über ihrem leicht geröteten und erwärmten Gesicht breit, als plötzlich jemand leicht an ihrem Rockzipfel zog. Sie riss die Augen auf, senkte den Kopf und sah ein kleines Mädchen mit braunen Haaren, zwei Zöpfen und großen blauen Kulleraugen, das sie anlächelte. Marisa entspannte sich und grinste zurück. Sie mochte kleine Kinder, und dieses war wirklich süß.
„Hier, das soll ich dir geben“, sagte die Kleine. Dann überreichte sie ihr einen Zettel und rannte schnell davon. Marisa sah ihr hinterher, wie es hinter den Dünen verschwand. Dann faltete sie das kleine Blatt Papier auf und dachte sich: „Wahrscheinlich finde ich jetzt einen kleinen Kinderstreich oder auch eine Zeichnung von dem Mädchen.“ Erwartungsvoll las sie den Satz, der auf dem Zettel stand…

Du bist schuld – Teil 180


Sieben Monate nach der Schuld
Wangerooge:

Drei Wochen, nachdem Marisa ihr Erinnerung wiedergefunden hatte, betrat Professor Münch ihr Zimmer.
„Marisa, wie geht es Ihnen heute?“
„Danke, es geht mir ganz gut.“
„Gerne würde ich mich nun einmal für meinen harten Weg der vergangenen Zeit entschuldigen. Doch ich musste Sie aus Ihrer falschen Welt herausholen. Das konnte ich nur durch diesen Schockmoment erreichen. Ich weiß, dass es für Sie eine große Zumutung und Belastung war, sich Ihrem wahren Leben zu stellen. Aber Sie sind eine sehr starke Frau und haben es geschafft, dies durchzustehen. Ihre Entwicklung in den letzten Wochen ist wirklich beeindruckend.“
„Ja, ist schon in Ordnung. Sie haben Recht, es war furchtbar, aber ich fühle mich eigentlich ganz gut. Es ist hart, sein falsches Leben aufzudecken. Jedoch weiß ich auch, dass es der einzige und richtige Weg ist, um mein wahres Ich wieder zu entdecken und neu anzufangen. Und das ist ja genau das, was ich die ganze Zeit wollte. Endlich frei sein und ein neues Leben beginnen. Sowohl in meiner Scheinwelt, als auch jetzt.“
Er nickte. Dann sah er sie mit einem Lächeln auf dem Gesicht an.
„Sie sehen gut aus. Ich denke, Sie sind so weit.“
„So weit? Für was?“
„Ich weiß doch, wie sehr Sie das Meer lieben, deshalb dürfen Sie heute Nachmittag mit einer kleinen Gruppe von Patienten, mir und Tommy einen Strandspaziergang unternehmen.“
Marisa sprang auf vor Freude und umarmte den Professor, der leicht unbeholfen versuchte, sie wieder von sich zu lösen.
„Schon gut, schon gut. Es ist ein Anfang. Seit geraumer Zeit haben Sie keine Wahnvorstellungen mehr, deshalb wagen wir das nun mit Ihnen, um Sie nach und nach wieder an das Leben da draußen zu gewöhnen. Schließlich wollen Sie doch nicht für immer hierbleiben. Sie sind jung und haben noch ein richtiges Leben vor sich, wenn Sie es nur wollen.“ Kopfschüttelnd grinste sie ihn an, wie ein kleines Kind, das soeben sein erstes Spielzeug geschenkt bekommen hat. Sie fühlte sich so gut und frei wie schon seit Jahren nicht mehr und hatte das Gefühl, dass das Gefängnis ihrer Gedanken, das sie sich selbst gebaut hatte, seine Gitterstäbe fallen ließ, So, dass sie endlich wieder atmen konnte, vollkommen unbeschwert, leicht und frei.

 

 

 

Du bist schuld – Teil 179


Marisa saß dem Professor gegenüber, scheinbar in sich ruhend.
„Eines müssen Sie mir aber nun noch verraten! Ist er nun tot oder nicht? Sie sagten mir doch, dass Sie Maurizios Leichnam gefunden hätten. Aber wenn doch ich mich umbringen wollte und nicht er sich, wessen Leiche hat man dann gefunden?“
„Es gab zu keiner Zeit eine Leiche. Das musste ich Ihnen erzählen, da Sie sonst zu tief in Ihre damalige Psychose gefallen wären und Ihre Verschwörungstheorien weiter verfolgt hätten. Maurizio lebt, genauso wie Sie und ich. Er ist mit Ellie an einen Ort gezogen, den Sie nicht kennen. Die beiden sind glücklich. Und Sie werden es sicherlich auch irgendwann wieder werden. Lassen Sie Maurizio in einer unwichtigen Ecke Ihrer Erinnerungen hausen. Nun haben Sie sich von ihm gelöst und so soll es auch bleiben. Sie haben ein neues Leben begonnen und er wird das nicht mehr bestimmen.“

 

Du bist schuld – Teil 178


„Du hättest mich sehen müssen.“ Es war nun so klar, dass diese Nachricht nicht an sie, sondern an ihn gerichtet gewesen war … Schließlich war sie doch all die Jahre an seiner Seite gewesen. Doch er war derjenige, der sie kein einziges Mal wahrgenommen hatte.  „Du hättest mich nicht verlassen dürfen.“ Eine weitere Botschaft an ihn, dass er Ellie das Jawort gegeben und damit Marisa endgültig abgelehnt hatte.
„Du bist schuld an meinem Leid.“ Es war nicht die Nachricht von Maurizio, die sie so klar hatte erklären können, mit seinen Vorwürfen, die er ihr angeblich gemacht hatte. Dass sie daran Schuld tragen würde, dass er keinen beruflichen Erfolg und keine Freunde hatte, dass er an einem Ort leben müsste, an dem er nicht sein wollte. Nein, auch diesen Satz hatte sie selbst an den Spiegel geschrieben.Da ihre Meinung nach Maurizio die Schuld an ihrem Leid trug. Wäre er nicht gewesen, hätte sie ein ganz normales Leben führen können. Und die alles entscheidende erste Nachricht, die sie vermeintlich dorthin gebracht hatte, wo sie nun war: „Du bist schuld!“ Die Karte, die sie ihm zugesteckt hatte, bevor sie ins Meer hinausgelaufen war. Er trug die Schuld an ihrem Selbstmord und sollte nie wieder glücklich werden. Sollte stattdessen mit der aufgeladenen Schuld leben, an ihr scheitern und untergehen, wie auch sie an ihrer unerfüllten Liebe zu ihm zerbrochen war. Maurizio sollte endlich begreifen, dass ganz in seiner Nähe all die Jahre eine wunderbare Frau voller ehrlicher Liebe auf ihn gewartet hatte, die er nicht ein einziges Mal gesehen hatte. Und genau aus diesem Grund hatte er in ihren Augen eine große, unverzeihbare Schuld auf sich geladen, die sie letzten Endes in den Selbstmordversuch trieb.
Und schließlich noch: „Treue bis in den Tod“. Er hatte den „Treueschwur“ mit ihr durch seine Hochzeit mit Ellie gebrochen, und deshalb hatte sie sterben wollen.

 

Du bist schuld – Teil 177


Diese kleinen Botschaften bekamen nun einen ganz anderen Sinn-Zusammenhang, jetzt, da sie wusste, dass sie aus ihrer eigenen Feder entsprungen waren. Wie krank sie wirklich gewesen war, wurde ihr nun jeden Tag auf dem goldenen Teller präsentiert, und es schockierte sie, wie sie aus einer Obsession heraus sich so hatte entwickeln können. Wie gerne hätte sie nun jemanden an ihre Seite aus ihrem alten Leben. Einer, der sie gekannt hatte, als sie noch vollkommen gesund gewesen war. Doch sie hatte in den letzten 13 Jahren alle Kontakte hinter sich gelassen. Ihre Eltern lebten nicht mehr und Geschwister hatte sie keine. Sie war auf sich allein gestellt und fühlte sich einsam. Der einzige Punkt, der sich nicht von ihrer aufgebauten Scheinwelt unterschied. Bitter und traurig zugleich.

 

Du bist schuld – Teil 176


Sechs Monate und zwei Tage nach der Schuld
Wangerooge:

Wenige Tage und einige klare Sitzungen mit dem Professor später hatte Marisa viel Klarheit über ihr Leben erhalten. Ab dem Tag nach ihrem Zusammenbruch waren sie gemeinsam alles Geschehene strukturiert durchgegangen. Er setzte unter anderem wieder Hypnosetechniken ein, um ihre verdrängte Vergangenheit nach und nach ins Bewusstsein zu holen und aufzuarbeiten. Auch wenn es sie zutiefst erschütterte, was sie getan hatte, fühlte sie sich das erste Mal seit langer Zeit relativ klar und weniger bedroht als in den Monaten zuvor. Sie hatte sich fest vorgenommen, jede unklare Ecke ihres Lebens zu durchleuchten und die Wahrheit herauszufinden, die nun so eindeutig vor ihr lag. All die Nachrichten hatte sie sich selbst geschrieben, auch wenn sie sich nicht erklären konnte, woher sie die Postkarten hatte:

„Treue bis in den Tod.“
„Bist du glücklich?“
„Ich weiß doch, wie sehr du das Meer liebst.“
„Du hättest mich sehen müssen.“
„Du hättest mich nicht verlassen dürfen.“