Du bist schuld – das Ende


Epilog:

„Du warst gut, so überzeugend. Ach, du hättest einen Oscar verdient. Dein echter, wahrhaftiger Schmerz, niemand hätte den so ausdrücken können wie du mit deinen Krokodilstränen. Deine Verzweiflung darüber, ob du nun deinen Verstand verloren hast oder nicht. Die Fragen nach deiner Identität. Dabei hast du es doch immer gewusst. Tief in dir drinnen war dir klar, wer du wirklich warst und wo ich all die Zeit gewesen bin.“

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Du bist schuld – Teil 186


Wangerooge:
Tagebucheintrag von … :

Ich brannte in der Nacht, und du hast es gewusst.
Ich flehte dich an, bitte komm zu mir!
Aber du tatest es nicht!
Jetzt frage ich mich: Wer war ich für dich?

 

 

 

Du bist schuld – Teil 185


Ein weiterer Tag der Schuld
Wangerooge:

Nach der Pressekonferenz betrat Professor Münch sein Büro. Aus seiner obersten Schreibtischschublade zog er einen Stapel beschriebener Seiten hervor, setzte sich mit einem lauten Seufzer auf seinen Lederstuhl und begann zu lesen, was seine Patientin in den letzten Monaten so alles aufgeschrieben hatte. Einige Stunden später legte er das letzte Blatt beiseite, kämmte sich mit beiden Händen einmal über sein Haar. Danach legte er die beschriebenen Seiten auf ein Tablett aus Silber, wo er sie eine Sekunde später mit einem großen Streichholz anzündete. Während er den kleinen Brand beobachtete, brühte er sich einen frischen doppelten Espresso auf, als plötzlich sein Telefon klingelte. Schweren Schrittes ging er zu seinem Schreibtisch, nahm den Hörer ab und sagte nur „Ja?“. Dann nickte er, als ob der Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung ihn hätte sehen können, drehte sich in Richtung der verbliebenen Aschereste, lächelte kurz und antwortete auf Italienisch.

 

 

Du bist schuld – Teil 184


Sieben Monate und einen Tag nach der Schuld
Wangerooge:

Am darauffolgenden Tag erklangen laute, aufgeregt durcheinanderrufende Stimmen aus dem Kursaal der Insel, in dem der Professor die Pressekonferenz abhielt. Selbst unten am Strand waren diese zu hören. Der Saal war überfüllt, und draußen auf der Promenade standen Menschenmengen vor den Glasfenstern, um alles mitzubekommen, was sich da drinnen abspielte.
„Wie konnte das passieren?“, meldete sich ein Journalist zu Wort. Ein anderer rief dazwischen: „Sie sind verantwortlich dafür, dass kranke Menschen vor sich selbst geschützt werden. Wie konnten Sie diese arme Frau mit ans Meer nehmen?“ Es handelte sich offensichtlich um einen Bürger der Insel, der, wie so viele andere, die auch anwesend waren, kaum seinen Unmut zurückhalten konnte. Noch mehr empörte Rufe schlossen sich an.
„Sie sind doch unfähig!“
„Da kann man ja nur hoffen, dass man niemals auf eine Therapie angewiesen ist!“
„Einsperren sollte man Sie!“
„Wie konnte man Sie auf diese armen Menschen ansetzen? Haben Sie überhaupt studiert?“
„Besser direkt erschießen, anstatt zu hoffen, bei Ihnen Hilfe zu finden!“

Der Professor atmete einmal tief ein und aus, zog das Mikrofon an seinen Mund heran und begann mit ruhiger Stimme zu sprechen, so dass eine plötzliche Stille im Kursaal einkehrte.
„Ich verstehe Ihren Unmut und Ihre Zweifel unserer Einrichtung gegenüber. Aber Marisa Weller war auf dem Weg der Besserung. Sie war in einem scheinbar absolut stabilen Zustand, als wir sie mit auf diesen Ausflug nahmen, und lebte nicht mehr wie all die Jahre zuvor in einer Scheinwelt. Wir haben es durch versierte therapeutische Maßnahmen geschafft, dass sie sich endlich an ihr wahres Leben erinnern und ihre Schweinwelt fallenlassen konnte. Niemand von uns konnte auch nur im Entferntesten ahnen, dass das passieren würde. Das Einzige, was wir zum jetzigen Zeitpunkt wissen, ist, dass es ein kurzes Gespräch mit einem kleinen Mädchen gegeben hat und Frau Weller sich danach innerhalb von Sekunden verändert hatte. Wer das Kind war und was die beiden besprochen haben, konnten wir nicht herausfinden. Leider ist es so, dass die Psyche mit uns Menschen macht, was sie will, und der Einzige, der sie sich wirklich ganz genau ansehen und verstehen kann, ist man immer nur selbst. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich spreche. Nicht umsonst befasse ich mich seit Jahrzehnten tagtäglich mit der Psyche des Menschen. Aber diesen Vorfall konnte niemand voraussehen oder verhindern. Das gesamte Einrichtungspersonal bedauert sehr, was passiert ist. Wir sind uns aber auch einig, dass auf Grund der aktuellen Krankheitslage keine akute Suizidgefahr bei Frau Weller bestanden hat. Mehr gibt es an dieser Stelle nicht zu sagen. Wir danken Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und hoffen auf Ihr weiteres zukünftiges Vertrauen in uns.“
Er stand auf und verließ den Saal, bis er die empörten Stimmen nicht mehr hören konnte.

 

Du bist schuld – Teil 183


Sieben Monate nach der Schuld
Wangerooge:

Langsam drehte sie sich um. Tränen schossen in ihre Augen, ihr Gesicht wurde kreidebleich. Ihre Mimik ganz offensichtlich durch Schmerz und Trauer verzerrt. Sie zitterte am ganzen Körper, während sie ihn ansah. Er stand einige hundert Meter von ihr entfernt, lächelte und winkte ihr zu. Auf einmal stand ihre neue, soeben noch friedliche Welt still, sie hörte und spürte nichts mehr, außer den Schmerz der alten Welt, der sie innerlich zerriss. Seine pechschwarzen Locken wehten im Wind. Immer noch gutaussehend, wie damals. Übelkeit übermannte sie. Und plötzlich war ihr alles klar. Sie wusste, dass es nur eine einzige Rettung für sie geben konnte. Zehn Meter vor sich sah sie einen älteren Mann, der gerade mit einem scharfen Messer einen Krebs auseinandernahm. Ohne zu zögern, rannte sie auf ihn zu, stieß ihn zur Seite, schnappte sich in Sekundenschnelle das Messer und rammte es sich mit ihrer letzten Kraft selbst ins Herz. Dreimal hintereinander, bis sie schließlich zusammenbrach. Vier Minuten später war sie tot.