Kurzgeschichten


Der Hass und die Liebe (2016)
In der Satsang-Meditation lernte ich, dass in einer Liebesbeziehung die Liebe echt ist, jedoch die Emotion, die wir dem Partner gegenüber empfinden nicht. Da diese vergehen kann, die Liebe jedoch uns Menschen ausmacht. Während wir noch am Anfang einer Beziehung denken, wir könnten keinen einzigen Moment mehr ohne den anderen atmen und leben, kann es im nächsten Augenblick zu Streit, Trennung und Verletzungen kommen. Am Ende weint jeder, aber nicht um den Ex-Freund oder die Ex-Freundin, sondern um seiner selbst, der Liebe zu sich selbst. Diese ist in uns, macht uns aus, ist „wir selbst“. Sie ist beständig, doch die Emotion ist vorübergehend und wandelbar.

Wenn man aus dieser Perspektive alles im Leben betrachtet, wird alles gleich ad absurdum gestellt, denn sind wir nicht eigentlich ausschließlich von Emotionen gesteuert? Die jedoch, laut Aussage eines weisen Swamis, überhaupt gar nicht real sind, also auch gar nicht existieren können. Auch wenn ich nicht sicher bin, ob ich dem Swami hierbei zustimmen kann, ist der Ansatz vielleicht hilfreich. Denn, wenn wir diesen weiter überdenken, würde es uns eventuell leichter fallen, Emotionen nicht hochkochen zu lassen und somit Streitereien und Auseinandersetzungen verhindern können. Gerade in der aktuellen Situation, in der wir in vielen Ländern, aber eben auch in Deutschland stecken. Wir könnten uns endlich wieder auf das Wahre besinnen: die Liebe. Und den Hass als irreale Emotion ablegen. Wäre das nicht schön? In diesem Sinne: Om shanti, Peace!

Bombenalarm (2016)

Es war die Top-Immobilie am Düsseldorfer Hafen, die die beiden am frühen Freitagabend betraten. Im Eingangsbereich glitzerten die silbernen Armaturen. Weiße Lounge-Möbel und Riesen-Kronleuchter taten ihr übriges, um dem Besucher den Ort von Geld, Macht und Einfluss zu offenbaren. Sie wussten, dass sie in den 14. Stock fahren müssten. Dort, wo sie einen perfekten Rundum-Blick über ganz Düsseldorf und ihren Termin haben würden. Sie grüßten freundlich die Mitarbeiter am Empfang, die professionell zurück grüßten, doch sie zugleich misstrauisch begutachteten. Es war ihnen klar, dass sie schon aus rein optischen Gründen nicht hierher gehörten. Auch sonst nicht, aber sie hatten nirgendwo anders mehr ihren Termin bekommen, den sie vor der großen Reise nach Asien jedoch dringend wahrnehmen mussten. Aus diesem Grund waren sie nun hier. Als sie die Taste mit der Nummer 14 im Aufzug drücken wollten, kam die Dame vom Empfang auf sie zu gerannt und rief: „Halt, halt, wo wollen Sie denn hin?“ „In die Kanzlei, im 14. Stock. Wir haben da einen Termin.“ Sie schaute sie erneut abschätzend von oben bis unten an, entschied dann jedoch, sie gehen zu lassen. „Gut, ich muss Ihnen den Fahrstuhl aber erst freischalten. Moment bitte.“ Sie hielt ihre Karte, die sie um den Hals trug, vor den Scanner und tippte eine fünfstellige Geheimnummer ein, dann drückte sie auf die 14. Anschließend drehte sie sich wortlos um und ließ die beiden alleine im Aufzug. „Puh. Ganz schön streng, die Gute. Gott sei Dank hat sie uns nicht durchsucht, sonst hätte sie die Bombe entdeckt.“ Er sagte nichts, verdrehte nur seine Augen. Keine Sekunde später stoppte der Lift ruckartig, doch die Tür öffnete sich nicht. „Was ist denn jetzt los?“ „Keine Ahnung. Ich glaube, wir sind stecken geblieben.“ „Oh nein, nicht auch das noch. Wir müssen hier raus, bevor der Terror hier gleich losgeht.“ Sie zeigte auf das Bündel, das um ihren Bauch und die Brust geschlungen war. „Ja, ich weiß. Ich drück mal auf den Notknopf. Irgendwer wird uns hier schon rausholen.“ Sie standen schweigend da und starrten auf den nun blinkenden, roten Knopf, auf den das Wort „Notfall“ gedruckt worden war. Kurz darauf bewegte sich der Aufzug wieder. Sie atmeten auf. „Gut, wir haben es überlebt. Jetzt dürfte ja nichts mehr schief gehen.“ „Denke ich auch.“ Doch als sich die Tür öffnete, standen dort mehrere bewaffnete Männer in Uniform. Einer davon schrie sie an. „Keine Bewegung. Hände hoch und dann langsam aus dem Aufzug kommen. Einer nach dem anderen.“ Sie wussten nicht, wie ihnen geschah. War das die Versteckte Kamera oder was wurde hier gespielt? Fassungslos starrten sie auf die bewaffneten Menschen. Der Mann wurde nun aggressiver. „Ich sagte Hände hoch!“ Sie taten wie befohlen. Doch als sie die ruckartige Bewegung an ihrem Oberkörper bemerkte und das dazugehörige vertraute Geräusch, ließ sie intuitiv die Arme fallen, um sich ihrer Rolle hinzugeben. So war das nun mal mit den Instinkten. Dagegen konnte man sich nicht wehren. Sie nahm schnell ihr Baby aus dem Tuch, um ihm zu zeigen, dass sie da sei. Zu spät begriff sie, was sie damit anrichtete. „Hände weg von der Bombe!“ In dem Moment fiel der Schuss. Auf einmal sah sie überall Blut. Ihr Mann schrie so merkwürdig auf, wie sie ihn noch nie zuvor gehört hatte. Es war ein Schrei aus tiefster Verzweiflung heraus. Und dann sah sie es: das Blut, das aus dem Körper ihres Babys floss. Das kleine Bündel, das sie zur falschen Zeit in die falsche Richtung gehoben hatte und somit den Schuss des SEK-Beamten, der für die Mutter gedacht war, in die Quere gekommen ist, war nun vollkommen leblos.

Düsseldorf, 18.02.2016
Drama in Düsseldorfer Nobel-Kanzlei: Baby durch SEK erschossen, weil es für Bombe gehalten wurde. Eltern wollten beim Notar die Vaterschaft anerkennen lassen, doch wurden sie dort fälschlicherweise für Terroristen gehalten, weil sie das Wort „Bombe“ im Aufzug genutzt hatten.

Bist du happy? (2016)

„Bist du eigentlich happy?“ fragte Susi den Mann, den sie nicht mal eine Minute  kannte. Sie hatten gemeinsam an der Haltestelle gestanden und auf den wieder mal verspäteten Bus gewartet. Als er endlich kam, ließ er ihr den Vorrang mit den Worten: „Geh du vor. Es regnet doch. Ich bin alt und kann das aushalten.“

Susi war gerade mal zwölf Jahre alt, der Mann bestimmt schon über 80. Er setzte sich ihr gegenüber, so dass sie ihn ansehen konnte. Sein Gesicht war narbig und er hatte Segelohren. Beim Sprechen hatte sie bemerkt, dass er nur noch einen Zahn hatte. Das rechte Bein zog er hinter sich her. Seine Hände und Kleidung waren dreckig, die Schuhe zerfetzt. Sie konnte nicht anders, als zu fragen: „Bist du happy?“. Er lächelte sie an, so als wäre diese Frage ganz normal und als hätte er damit gerechnet. „Meinst du, weil ich so aussehe, als wäre ich es nicht?“ Sie nickte.

„Ich bin nicht der Schönste, wurde schon damals in der Schule wegen meiner Segelohren geneckt. Als Kind habe ich Bombensplitter ins Gesicht und Bein bekommen, während diese meine Mutter unweit vor mir und meinen Augen getötet hat. Mein schwer verletzter Vater, der mich nach dem Krieg alleine groß ziehen musste, war so mit seiner Traumatisierung beschäftigt, dass er mir nicht mal beigebracht hat, wie ich meine Zähne zu putzen hatte. Daher habe ich auch nur noch einen. Ich bin nie reich geworden, weil ich immer zu hässlich war für die perfekte Welt da draußen, in der nur die Hübschen eine Chance bekommen. Seitdem wohne ich auf der Straße. Du kannst es ja sicherlich sehen und riechen. Die Leute wenden sich seit jeher von mir ab, sie haben Angst vor mir. Aber jetzt gerade bin ich happy. Und zwar nicht wegen der Menschen da draußen, die mich meiden, meiner Einsamkeit oder meines erfolglosen Lebens, in dem ich täglich ums Überleben kämpfe. Nein, ich bin es, weil es Kinder wie dich gibt, die sich für mich interessieren und mich fragen, ob ich glücklich bin.“

Dann stieg er aus dem Bus aus. Susi drehte sich noch einmal um und winkte ihm durch die Fensterscheibe zu. Er lächelte zurück.

Luft holen (2015)

SIE
Ich kann nicht mehr. Warum hilft mir denn keiner? Ich schreie und schreie, bitte die Leute um Hilfe. Doch niemand glaubt mir. Er verfolgt mich. Der, den ich so fürchte. Ich höre seine Schritte, spüre seinen kalten Atem in meinem Nacken. Renne um mein Leben. Jedes Mal, wenn ich die Straße betrete, ist er da. Bin ich zuhause, vermeintlich sicher, steht er draußen. Er beobachtet mich, zieht mich aus mit seinen Blicken. Er zerstört meine Seele, raubt meine Sicherheit. Seit so vielen Jahren mache ich das nun mit. Ich kann nicht mehr arbeiten, traue mich kaum noch vor die Tür. Meine Freunde habe ich verloren, denn niemand hat mir geglaubt. Die Polizei will mir nicht helfen. Sie sagen, es sei niemand da. Doch ich kann ihn fühlen, selbst nachts. Er steht in meinem Zimmer, starrt mich an. Ich traue mich nicht zu atmen oder mich zu bewegen. Ich beobachte ihn, bis er im Morgengrauen wieder verschwindet. Ich habe Angst, dass er irgendwann aus seiner Ecke hervortritt, mir zu nahe tritt.

Schon wieder eine Nacht ohne Schlaf. Tiefe Augenränder und blasse Haut starren mich aus dem Spiegel an. Ich bin so allein mit meiner Angst, niemand ist mehr da. „All die Jahre verfolgt dich angeblich jemand…warum ist dir dann noch nie was passiert?“ Ich konnte es nicht mehr ertragen, diesen Hohn und Spott über mein Leid.
Es ist wieder soweit. Heute muss ich meinen Kühlschrank füllen. Ich gehe raus auf die Straße, da bemerke ich den Schatten hinter dem Baum. Er kommt mir näher, zu nah; eine Hand, die sich auf meine Schulter legt. Ich drehe mich um, um mich von seinen Klauen zu befreien.

Plötzlich sitze ich mit Dutzenden von fremden Menschen gemeinsam an einem runden Tisch. Wir essen. Alles sieht so aus wie in einer Kantine. Doch die Personen, die uns das Essen bringen, tragen weiße Kittel. Ich sehe mich genauer um und erblicke ein Schild. Auf diesem steht St. Katharinen-Psychiatrie – geschlossene Abteilung. Ein unglaubliches Gefühl macht sich in mir breit. Es ist Glück. Endlich bin ich abgeschieden von dem Bösen da draußen. Ich atme ein, ich atme aus, es muss so sein, nach all den Jahren. Ich atme ein, ich atme aus, ich hole Luft, ganz tief Luft. Glück durchströmt meinen Körper. Ich habe einen kurzen, klaren Moment in meinem Leben, bevor mich diese Kraft in das undurchdringliche Dunkel meines Inneren zurückzieht. Ich kann nicht anders, als hineinzugehen und den Alptraum meines Lebens weiterzuleben.

ER
Ich stehe in der Ecke, nahe dem Fuße deines Bettes. Ich kann sehen, wie du mich anstarrst. Wie du versuchst, still zu sein, nicht zu atmen. Um nicht aufzufallen, bewegst du dich nicht. Aber findest du nicht, dass das lächerlich ist? Bald hätte ich laut gelacht ob deiner Naivität. Du kleines dummes Wesen. Ich geh doch nicht weg, nur weil du dich nicht rührst. Deine Angst kann ich riechen. 24 Stunden bin ich bei dir. Ich stehe neben dir, gehe hinter dir, beobachte dich. Alles was du tust, machst du nicht allein. Ich bin beharrlich, aber bilde dir mal nichts drauf ein.

Ich kann nicht ohne dich leben. Du bist meine Obsession. Es gefällt mir, dass du weißt, dass ich da bin. Du bist so allein. Niemand ist an deiner Seite. Und das nur, weil du verrückt bist. Oder bist du es gar nicht? Was meinst du? Bin ich real, bin ich existent? Bin ich wirklich da, immer und überall? Du kennst die Wahrheit, oder? 24 Stunden am Tag ohne Schlaf, nur um dich zu sehen? Was bildest du dir ein? Glaubst du wirklich, du wärst so toll? Kein Wunder, dass dir niemand glaubt. Das klingt doch verrückt. was stellst du dich an, klagst hier rum? Du kannst doch froh sein, dass du nie alleine bist. Viele andere würden sich das wünschen.

Manchmal, wenn ich hinter dir herlaufe, erhöhe ich mein Tempo. Mein Puls rast, während ich dir immer näher komme. Ich spüre, dass du es weißt. Ich liebe deine Panik. Sehe die Gänsehaut und roten Flecken an deinem Hals. Wie du dich hilfesuchend umschaust finde ich entzückend. Ich weiß, dass dir niemals irgendwer glauben wird. Und du weißt es auch.

Mit einer bewundernswerten Ausdauer rennst du vor mir davon. Doch ich bin zäh, glaube mir. Ich höre nicht auf, dich unermüdlich zu „begleiten“. Heute, heute lass ich es drauf ankommen. Es ist mein großer Tag. Ich werde dich berühren, meine Hand auf deine Schulter legen. Und niemand wird es merken außer dir und mir. Ist das nicht schön, wir zwei gemeinsam und du doch so einsam. So tief miteinander verbunden. Ein Schauer der Vorfreude läuft mir über den Rücken. Ich zähle runter bis zu meinem großen Moment: drei, zwei, eins….

SIE
Wie ein Wirbel ziehe ich mich zurück in den Alptraum meines Lebens. Es ist, als würde mich die tiefe Dunkelheit umklammern. Dort, wo ich hineingesogen werde ist nichts außer Einsamkeit, Leere und Todesangst. Ich kann mich nicht wehren und plötzlich stehe ich wieder da. Genau dort, wo mein Alptraum ein jähes Ende gefunden hat. Hinter mir der unheimliche und unbesiegbare Mann.

Wie in Zeitlupe nehme ich seine Hand wahr, die sich langsam auf meine Schulter legt. Ich will schreien, doch ich kann nicht. Meine Stimme erstickt bei jedem Öffnen meines Mundes. Mein Herz schlägt so stark, dass es in meinen Ohren rauscht und meine Adern pochen. Oh Gott, jetzt ist es soweit, er tritt mir zu nahe. Er betritt eine neue Ebene. Er ist nicht mehr „nur“ der Beobachter. Er ist jetzt alles, was ich befürchtet habe. Er ist losgelöst. Es gibt keine Grenzen mehr. Ich drehe mich um, um mich zu befreien. Da steht er und lächelt mich an, als wär er ein alter Bekannter. Ich kenne ihn nicht. Ich weiß nur, dass er jede Nacht in meinem Zimmer steht und auch tagsüber an meiner Seite ist.

Er grinst ganz unverhohlen, nimmt mich in den Arm. Ich bin gelähmt, spüre nur noch meinen Puls. Schweiß bedeckt meinen gesamten Körper und doch zittere ich. Tief in mir drin schreie ich „Hilfe, Hilfe, kann mich denn niemand hören? Warum hilft mir keiner?“ Ein leises liebliches Flüstern erklingt in meinen Ohren: „Du weißt es, nicht wahr mein Schatz? Du weißt was jetzt passieren wird.“ Ich stehe kurz vor einem Zusammenbruch, als er die Umarmung löst, mich stehen lässt und mit einem leisen Kichern davongeht…

ER
Drei, zwei, eins…, ganz langsam lege ich meine Hand auf deine Schulter. Ich koste jede einzelne Sekunde deiner Angst aus. Dein Körper zittert und der Schweiß läuft an deinem Hals herunter. Es amüsiert mich, wie du dich umdrehst und deinen schmerzverzerrten Mund öffnest, ohne auch nur einen Laut von dir zu geben. Aus müden, blutunterlaufenen Augen schaust du mich panisch an. Vielleicht solltest du einfach mal nachts schlafen und mich nicht immer anstarren. Bei dem Gedanken daran muss ich einfach grinsen. Welche Macht ich nun über dich habe. All die letzten Jahre waren schon unbeschreiblich prickelnd, aber nun starten wir in eine neue Ära. Du weißt es. Ich weiß es. Um dir eine Ahnung davon zu geben, schließe ich dich fest in meine Arme und flüstere in dein Ohr: „Du weißt es, nicht wahr mein Schatz? Du weißt was jetzt passieren wird.“

Das Schaudern deines schmalen Körpers wird nun zu einem richtigen Beben. Ist es, weil du auch so freudig erregt bist? Oder hast du solch große Angst vor der Wahrheit? Glaube mir, wenn es jemand herausfinden wird, dann ich. Ich, dein bester Freund, dein einziger Begleiter, dein Fürst, der Tag und Nacht mit dir teilt. In guten wie in schlechten Zeiten…. Doch jetzt lasse ich dir und mir noch ein wenig Vorfreude und verlasse dich. Das erste Mal in acht Jahren, lasse ich dich alleine. Und das Beste daran ist, dass wir beide wissen, dass es so nicht bleiben wird…

SIE
Schwer atmend breche ich zusammen, nachdem er mich auf der Straße zurückgelassen hat. Alleine, das erste Mal seit acht Jahren bin ich wirklich alleine. Er ist einfach so davon gegangen. Wie kann das sein? Warum bin ich ihm so ausgeliefert? Wieso ist er immer an meiner Seite? Berührt mich das allererste Mal, seitdem er in mein Leben getreten ist, um dann einfach so davonzugehen? Ich falle zu Boden, weine und rufe: „Du Schwein, du elendiger Mistkerl. Lass mich endlich in Ruhe!“

Menschenmengen scharen sich um mich. Ich bin am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Jeden, der mir zu nahe kommt, schreie ich an: „Und ihr? Glotzt nur, aber wenn ich euch brauche, ist keiner da. Niemand ist da, niemand ist da! Warum ist nicht wenigstens einer für mich da?“ Meine Fäuste schlage ich mit einer solchen Heftigkeit gegen den Asphalt, dass aus ihnen Blut spritzt. Ich bin hysterisch, so dass ich das Polizeiauto und den Krankenwagen erst bemerke, als sie direkt neben mir Halt machen. Wie in einem Delirium bin ich auf einmal teilnahmslos, nehme keinerlei Geräusche mehr wahr. Ich atme ein, ich atme aus. Ich bin gefangen in einer Luftblase und kann nur noch beobachten. Sie geben mir Spritzen, ziehen mir etwas über den Kopf, binden mir etwas um die Hände und führen mich zu einem Wagen. Was danach geschieht, weiß ich nicht.

Bis ich schließlich in einem kleinen Zimmer aufwache. Es ist spärlich eingerichtet, ein Holz-Bett, ein Tisch, ein Plastik-Stuhl, ein Kleiderschrank. Kein Bild, kein Spiegel, keine Uhr an der Wand. Ich stehe auf und nähere mich der einzigen Tür in diesem Zimmer. Sie ist nicht verschlossen. Als ich auf den Flur hinaustrete, befinde ich mich in einem großen Gebäude mit vielen Stockwerken und einem hohlen Innenraum. Von der Ferne nehme ich Menschenstimmen wahr. Ich nähere mich mit schleppendem Gang diesem Geräuschpegel und öffne eine weitere Tür. Während ich den Raum betrete, nehme ich etwas an der rechten Wand wahr. Nur kurz, aber ich muss mich vergewissern, ob es wirklich wahr ist. Ich schaue noch einmal hin, dieses Mal genauer. Nein, das kann nicht wahr sein. Was ist hier los?

Ich kann es nicht glauben, was ich da sehe. An der Wand hängt ein Schild mit dem Namen St. Katharinen-Psychiatrie – geschlossene Abteilung. Aber das habe ich doch schon einmal gesehen. Doch war das wirklich real? Bin ich an dem einzigen Ort, an dem ich mich in den letzten acht Jahren sicher gefühlt habe. Was wird hier gespielt? Oh Gott, ich verliere meinen Verstand. Denk nach, Julie, denk nach! Was ist passiert zwischen dem Zusammenbruch auf der Straße und dem Aufwachen in dieser Einrichtung? Ich haue mir verzweifelt den Handballen gegen meinen Kopf, immer und immer wieder. Ich will all das hier endlich verstehen. Bin ich vielleicht ohnmächtig? Panik erfüllt mich. Oh Gott, wenn ich gleich wieder zurückgezogen werde in meine furchtbare Realität. Zurück in die Arme dieses Monsters. Beruhige dich, atme ein, atme aus! Vielleicht ist alles ganz anders.

Ich betrete das Zimmer, aus dem die Laute der Stimmen zu mir drängen. Ich suche jemanden, der Licht in mein dunkles Inneres bringen kann. Da, eine Frau im weißen Kittel. „Bitte helfen Sie mir. Wie bin ich hierhergekommen? Was ist passiert?“ Doch die Frau ignoriert mich. Beachtet mich gar nicht. Ich beginne, sie anzuschreien, doch erst als ich sie packe und schüttle, reagiert sie. Auf einmal kommen verschiedene Personen in Kitteln auf mich zu gerannt. Sie halten mich fest. Ich schlage um mich, doch ich habe keine Chance. Es folgt ein Piecks in meinen Arm, danach schwebe ich über den Flur. Ich versuche klar zu denken. Anscheinend trägt man mich zurück in das kleine Eckzimmer. Doch so sehr ich auch kämpfe, ich kann nicht wach bleiben.

Als ich wieder erwache, bemerke ich die Fesseln an meinen Händen und Füßen. Eine Frau steht mit dem Rücken zu mir gewandt. Ich rufe sie, bitte sie um Hilfe. „Bitte, helfen Sie mir. Warum werde ich gefesselt wie eine Schwerverbrecherin? Ich bin das Opfer, kein Täter.“ Die Frau dreht sich langsam zu mir um. Ich erkenne sie und Angst erfüllt meinen ganzen Körper. In Schockstarre sehe ich, wie sich mir das bekannte Gesicht Schritt für Schritt nähert.

ER
„Hallo Süße, damit hast du wohl nicht gerechnet. Ist das nicht schön, dass wir uns so schnell wiedersehen? An deinem heiligen Ort?“
Was für ein Kribbeln ich verspüre. Es ist herrlich, sie da so liegen zu sehen. So ausgeliefert und verloren. Wie sie mich ansieht. Voller Angst und dennoch voller Gedanken.
„Ich weiß, dass du dich gerade fragst, wie das nur alles möglich sein kann. Aber wie sollst du das schon verstehen du einfältiges, kleines Wesen?“
Langsam nehme ich die Langhaar-Perücke ab.
„Hast du dich denn nie gefragt, wie ich in deine Wohnung komme? Wie ich Tag und Nacht bei dir sein kann? Welche Macht ich besitze, um dir selbst hier so nahe zu kommen? Schau dich um. Wir sind ganz alleine. Niemand ist da, um dir zu helfen.“

Ich gehe zu ihrem Bett, streichle sanft über ihre Wange, den rechten Arm und ihre Hand. Sie versucht meiner Berührung auszuweichen, doch sie kann nicht. Sie ist vollkommen wehrlos. Dann kann ich nicht mehr anders. Ich stürze mich auf sie und schüttle ihre Schultern „Denk nach Julie! Denk nur einmal nach! Du weißt es, verdammt nochmal. All die Fragen, all die Rätsel. Du kennst die Antworten. Aber du willst sie nicht sehen. Willst mich nicht sehen. Aber ich bin real. Ich bin hier bei dir. Und ich lasse dich nicht allein. Nie mehr lasse ich dich unbegleitet. Nur du kannst dir selbst helfen. Also besinne dich! Was will ich wohl von dir? Du weißt es doch ganz genau. Höre in dein Inneres! Erinnere dich! Du kennst mich doch schon viel länger. Es war nicht das erste Mal, dass wir uns heute gesehen haben und du weißt das ganz genau.“

„Ja, ich weiß es“ sagt sie mit bibbernder, leiser Stimme. Vier Worte, die mich das pure Glück spüren lassen.

SIE
Ich schließe meine Augen und rufe „Hör auf, hör bitte auf!“ Ich brülle so laut ich kann. Endlich habe ich meine Stimme wiedergefunden. „Sei endlich still. Lass mich in Ruhe!“ Ich weine und schreie. „Oh Gott, lass mich endlich in Frieden. Verschwinde!“

Dann öffne ich langsam die Augen und bemerke, dass ich mir die Ohren zuhalte. Ich liege nicht mehr gefesselt in meinem Bett, sondern befinde mich in einem ganz anderen Zimmer. Es ist vollgestellt mit Büromöbeln. Ich schaue an mir herunter und sitze vollkommen frei auf einem grünen Ohrensessel. Das Mobiliar ist antik. Hohe Decken mit Stuckverzierungen fallen mir ins Auge. Und da sehe ich ihn, in der linken Ecke. Ein fremder Mann. Er dreht sich um zu mir und spricht mit sanfter Stimme: „Sehr gut haben Sie das gemacht. Sehr gut. Das ist der Durchbruch. Wir beide haben es geschafft. Sie haben gekämpft, doch am Ende konnten Sie die Wahrheit nicht mehr verleugnen. Sie wissen jetzt alles, stimmt es?“
„Ja, ich weiß es nun. Doch wie lange war ich hier?“
„Acht Jahre. Diese Zeit haben wir beide immer wieder zusammen verbracht.“
Ich schüttle meinen Kopf.
„So eine lange Zeit? Das ist ja furchtbar. All die Jahre sind verloren.“
Der Mann tritt an mich heran, legt mir seine Hand auf die Schulter.
„Aber es war nicht unnötig. Sie haben den Kampf gewonnen. Sie haben es endlich geschafft. Jetzt beginnt Ihr Leben.“
Ich betrachte meine Hände, den Körper, der so lange nicht zu mir gehörte. Langsam erhebe ich mich von dem Sessel und gehe zu dem großen Wandspiegel mit Goldrahmen.
„Sehr schön, Sie machen das Richtige. Schauen Sie sich genau an.“
Jeder Schritt tut mir weh. Es macht mir Angst, gleich zu sehen, wer ich bin. Ich schaue in den Spiegel. Der Mann fragt mich, was ich sehen kann. Und ich sage es ihm, da ich es endlich wieder weiß und die Wahrheit nun unvermeidlich ist. Tränen laufen mir aus meinen mit roten Äderchen durchzogenen Augen herunter, während ich mehr zu mir selbst, als zu dem Mann sage, der mein Psychiater ist: „Ich sehe mich, Julian Kross. Ich sehe mich, den Freund und Mörder von Julie Albaron.“

Wenn ich atme (2016)

„Ich konnte nicht mehr atmen“ sagte er, als er mit zitternder Stimme zu ihr sprach, während die Tränen aus seinen grün-braunen Augen schossen. Als sie nach dem „Warum“ fragte, erzählte er ihr eine lange Geschichte von vielen Jahren gegenseitiger Verletzungen. Er wollte, dass sie ihn verstand. Doch sie konnte das nicht zulassen. Mit ihren stahlblauen Augen sah sie ihn an und zitierte Buddha:

„Wenn ich einatme, weiß ich, dass ich einatme, wenn ich ausatme, weiß ich, dass ich ausatme.“

Dann drehte sie sich um und ließ ihn zurück. Allein in seinem Schmerz. Sie konnte kein Mitgefühl empfinden. Denn, was er vergessen hatte, war ihr stets bewusst. Er sprach von ihr, als wäre sie der Tod für ihn.

Alpträume (2015)

„Warum schreist du mich an?“ frage ich ihn. Ich versuche ruhig zu bleiben. Doch er kann er es nicht. Schreit mich an, dass mein Freund ein Jammerlappen ist, macht sich über den „Hempfling“ lustig. Meine Schwester mischt sich ein, bittet ihn, still zu sein. Doch er lacht nur. Er scheint verrückt zu werden. Ich tue mir das nicht an, soll sich meine Schwester doch alleine mit meinem verrückt gewordenen Schwager auseinandersetzen. Ich nicht! Mit einem lauten Knall schlage ich die Tür hinter mir zu. Das Geschrei ist noch bis unten ins Treppenhaus zu hören. Mir tut meine Schwester leid, aber ich muss einfach hier raus. Ins Café, auf andere Gedanken kommen. Am Marktplatz hat ein Neues eröffnet. Über fünf Etagen zieht sich das vollständig verglaste Haus. Das werde ich mal ausprobieren.

Kaum habe ich meine Bestellung bei der netten Kellnerin abgegeben, geschieht draußen etwas. Zwei ausländisch aussehende Männer rennen durch die Menschenmenge. „Oh Gott“ rufe ich laut aus, als ich ihre Gesichter sehe. Diese beiden Menschen sind panisch. Ich kann es sofort erkennen. Sie rennen um ihr Leben. Hinter ihnen laufen fünf Männer mit Schlagstöcken. Die Menschenmenge teilt sich, anstatt den beiden Menschen zu helfen. Und im Café ertönt eine Durchsage: „Draußen werden soeben Flüchtlinge gejagt. Wie furchtbar! Wir hoffen jedoch sehr, dass wenigstens die Schlagstöcke muslimisch gesegnet wurden, damit die beiden Männer nicht auch noch ihre Ehre verlieren, wenn sie schon sterben müssen.“ Ich kann es nicht fassen, springe auf, schreie die Leute an, etwas zu tun. Doch in diesem Moment wird eine Granate durch eine Fensterscheibe des Cafés geworfen. Alle gehen in Deckung, auch ich. Kurz darauf fliegen weitere Granaten durch die Fenster. Drinnen und draußen bricht eine Massenpanik aus. Alle Besucher versuchen so schnell wie möglich aus dem Café zu kommen. Ohne Rücksicht auf andere. Niemand sieht mehr, ob er gerade auf einem anderen Menschen herumtrampelt und was links und rechts passiert. Ich bin die Einzige, die nach oben rennt. Ein absurder Gedanke verfolgt mich: „Im Film rennen die Opfer immer nach oben und jedes Mal ist es ihr größter Fehler.“ Doch ich will nicht plattgedrückt werden und laufe deshalb dorthin, wo niemand hin möchte, in die letzte Ecke am oberen Ende.

Es vergehen Stunden, bis sich die Lage beruhigt hat und ich mich unbeschadet aus meinem Versteck hervorwage. Ich renne die vier Stockwerke herunter. Auf meinem Weg sehe ich Körper von Leichen. Überall ist Blut. Es stinkt nach Fäkalien und Verbranntem. Als ich im unteren Bereich ankomme, bemerke ich, dass ich meine Tasche vergessen habe. Alles in mir wehrt sich dagegen, erneut den Weg des Grauens entlang zu laufen. Doch in dieser Tasche ist alles drin, meine Schlüssel, meine Papiere… Ich atme tief ein und aus und renne wieder zurück zu meinem Versteck. Im letzten Stockwerk biege ich um die Ecke. Zu meiner rechten Seite ist ein bodenlanger, roter Samtvorhang aufgehangen, der den Küchenbereich vom Gästebereich abtrennt. Ich sehe Füße darunter. Da steht jemand und dieser Mensch ist nicht tot. Egal, ich renne weiter. Ich will einfach nur noch hier raus und nach Hause. Ich schnappe meine Tasche und laufe wieder zurück. Als ich auf dem Rückweg erneut an dem Vorhang vorbeikomme, sind die Füße weg. Mir wird übel, aber ich laufe weiter. Nach draußen an die frische Luft, einfach nur raus. Draußen angekommen, sehe ich eine reine Verwüstung. Zersplittertes Glas, verletzte, weinende Menschen. Sanitäter und Polizisten, scheinbar ebenfalls komplett überfordert. Wie in Trance bewege ich mich durch die Menge. Niemand scheint mich zu bemerken. Doch ich bemerke jemanden. Ich drehe mich nach hinten. Da sehe ich sie, die Schuhe, die unter dem Samtvorhang gestanden haben. Ein Mann trägt sie und auch er scheint nicht sichtbar für die anderen. Doch ich sehe etwas in seinen Augen. Ich weiß, dass er mich verfolgt. Was will er bloß von mir? Ich renne los, um die nächste Ecke, traue mich nicht, mich noch einmal umzudrehen. Da steht plötzlich meine Freundin Nina vor mir. Gott sei Dank. Ich nehme sie so fest in den Arm, wie noch nie zuvor. Ich bin nicht mehr alleine. Sie ist mein rettender Anker. Nie wieder will ich sie loslassen. Ich flüstere ihr ins Ohr: „Hilf mir. Ich werde verfolgt. Du musst bei mir bleiben.“ Sie nimmt meine Hand und geht mit mir in einen belebten Biergarten. Dort ist es so friedlich, als wäre das alles gar nicht passiert. Die Vögel zwitschern, die Menschen lachen, essen gemeinsam, prosten sich gegenseitig zu. Wir setzen uns auf eine Bierbank. Nina lächelt mich an und sagt „Hier bist du in Sicherheit. Es kann dir nichts passieren. Erzähl mir, was passiert ist.“ Ich merke, wie ich mich so langsam wieder sicher fühle und beginne zu reden. All das Leid, was ich gesehen habe, schildere ich ihr und schließe ab mit den Worten: „Und dann dieser Mann, der mich verfolgt hat… Ich glaube er ist einer der Attentäter, die die Granaten auf unser Café geworfen haben. Ich kann es nicht beweisen, aber ich fühle das.“ Nina starrt mich an, scheinbar gebannt von meinen Erzählungen. Ich drehe meinen Kopf weg von ihr, doch schrecke sofort zurück. Links von mir sitzt mein Verfolger, direkt neben mir, auf meiner Bierbank. Ich weiß nicht, wie lange er dort schon sitzt. Er lächelt mich an. Panisch drehe ich meinen Kopf zu Nina und will schreien. Doch ich bekomme keinen Ton heraus. Sie lächelt mich ebenfalls an und sagt: „Tja, du solltest halt genau aufpassen, welche Freunde du dir aussuchst.“ In diesem Moment weiß ich genau, was auf mich zukommen wird.

Plötzlich wache ich woanders auf. In meinem Bett, schweißnass gebadet. Panisch schaue ich mich um. Doch da ist niemand. Keine Bedrohung mehr. Es war nur ein schrecklicher Traum. Immer und immer wieder sage ich mir das, um mich zu beruhigen. Bevor ich aufstehe, atme ich erstmal tief ein und aus. Auf dem Weg zu meiner Espresso-Maschine geht mir das Geträumte noch einmal durch den Kopf. Mein Puls ist weiterhin erhöht. Während der Espresso nach und nach seinen unwiderstehlichen Duft in meiner Wohnung entfaltet, schalte ich das Radio ein. Ich schütte mir eine Tasse ein und genieße die Musik. Doch nach nur einem Song folgen die Nachrichten.

Gebannt lausche ich den Schlagzeilen des heutigen Morgens:
– Familienstreit eskaliert: Mann bringt Ehefrau um
– Frankreich wählt Rechts
– Erneuter Angriff auf Flüchtlinge
– IS-Anschlag: 15 Menschen sterben
– Freunde von Attentäterin berichten: Sie war so eine nette, lebenslustige Person

Meine Tasse wiegt auf einmal 50 Kilogramm. Ich muss sie fallen lassen, da ich sie nicht mehr halten kann. Und zugleich kommt mir die erschreckende Erkenntnis. Der Alptraum von heute Nacht ist noch lange nicht vorbei…

Liebe ihres Lebens (2015)

„I will love you until the day I die.“ Immer wieder diese Worte. Die magischen Worte, die sie einfach nicht losließen. Die Worte, weshalb sie ihn nicht loslassen konnte. Eine Urlaubsbekanntschaft, die zu so viel mehr geworden war, als sie sich jemals erträumt hätte. Die Liebe ihres Lebens. Ihr Ehemann. Ein Ire. Oh Mann, ihre Eltern waren durchgedreht, als sie ihnen gestand, dass sie sich in Luke verliebt hatte und zu ihm nach Irland ziehen würde. Sie versuchten, sie daran zu hindern, an ihre Vernunft zu appellieren. Glaubten, er wolle nur an ihr Vermögen, das sie von ihrem verstorbenen Mann geerbt hatte. Doch keine Chance. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen. Wie hätte sie anders gekonnt, als zu ihm zu ziehen und diesen wunderbaren Mann zu heiraten? Gar nicht. Sie waren füreinander bestimmt. Sie hatte keine einzige Sekunde gezögert und sie hatte Recht behalten. Das pure Glück. Es hatte sie angesprungen. Endlich hatte sie den Richtigen gefunden. Und noch jetzt sah sie ihm voller Liebe in seine wunderschönen blauen Augen. Sie wollte ihn nicht loslassen, doch er zwang sie dazu. Er drückte sie weiter hinunter ins Moor, das sie nach und nach verschlang und ihr den Atem nahm. Ihre Eltern hatten wohl Recht gehabt, doch sie bedauerte noch in der Sekunde ihres Todes kein bisschen ihre Entscheidung. Es war die schönste Zeit ihres Lebens, mit ihm, ihrem Mann und ihrem Mörder.

Sometimes… (2015)

„Sometimes life is cheating on you“, dachte sie, als sie morgens in den Spiegel sah. Der alles entscheidende Morgen stand an. Sie konnte nichts mehr verdrängen, nichts mehr ruhen lassen. Sie musste heute dadurch, auch wenn sie nicht wollte. Heute würde er kommen und seine Sachen abholen. Alles, was sie jemals hatte, was sie je geliebt hat, würde heute endgültig vorbeigehen. Schwere Jahre lagen hinter ihnen. Überwältigende Gefühle, die sie nicht mehr kontrollieren konnte. Verzweiflung und Gesichtsverlust. Und heute war es so weit, der Beginn ihres neuen Lebens. Eines Lebens ohne Schmerz, Kontrollverlust und lähmende Atemlosigkeit. Was sie im Spiegel sah, war erschreckend. Ein Sinnbild des Verlustes jeglicher Lebensenergie und -freude. Schwarze Augenränder, die Augen durch stundenlanges Weinen blutunterlaufen und geschwollen. Die Woche ohne Schlaf hatte tiefe Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Innerhalb der letzten fünf Tage hatte sie vier Kilo abgenommen. Ihre Wangenknochen waren nur noch durch eine dünne Hautschicht verdeckt. Kein Gramm Fett war mehr zu sehen. Während sie sich die Zähne putzte, musste sie sich dreimal übergeben. Sie konnte es einfach nicht glauben. Fast ein Jahr wartete sie nun schon auf diesen Tag. Der Tag des endgültigen Abschließens und Loslassens. Doch jetzt, wo es so weit war, wusste sie nicht mehr, wie sie auch noch eine Sekunde weiter atmen könnte, ohne dass die Schwere des Lebens sie herunterriss. Sie versuchte zu funktionieren, zwängte sich einen Kaffee und ein altes Brötchen vom Vortag hinein. „Du musst doch was essen“, hörte sie die Stimmen ihrer Freunde und Familienmitglieder im Hinterkopf sagen. Erneut stieg die Übelkeit hoch, dieses Mal wurde sie begleitet von Schüttelfrost und starken Schweißanfällen. Als die Klingel ertönte, reagierte ihr Körper mit sofortigem Schwindel. Dieser ließ es kaum zu, zur Tür zu gelangen. Mit ihrer letzten Kraft nahm sie den Hörer der Gegensprechanlage ab und fragte, wer an der Tür sei. „Ich bin es“, sagte die vertraute Stimme. Schweren Herzens öffnete sie die Tür. Er sah aus wie ihr Zwillingsbruder, ausgemergelt und voller Trauer in seinen tiefblauen Augen. Ohne zu wissen, was sie sagen sollten, trugen sie in den nächsten Stunden schweigend seine Sachen aus ihrer ehemaligen gemeinsamen Wohnung. Dann war der Zeitpunkt gekommen, an dem sie sich endgültig Lebewohl sagen mussten. All die Fragen standen ihnen beiden ins Gesicht geschrieben: „Wie konnten wir nur so scheitern?“ „Wie konnten wir es so weit kommen lassen?“ „Warum hast du mich nicht mehr gehört oder gesehen?“ „Warum hast du mich allein gelassen, obwohl wir zusammen waren?“ „Wann haben wir uns verloren?“ „Warum hast du mir all den Schmerz angetan, wenn du mich doch angeblich geliebt hast?“. Doch keiner der beiden wagte es, diese Fragen zu stellen. Eine letzte Umarmung, ein letzter Kuss auf die Wange. Zwei Worte: „Alles Gute!“ Dann ging alles ganz schnell, er stieg in sein Auto, fuhr los und bog um die nächste Ecke. Sie stand regungslos da und wusste, sie würde ihn nie wieder sehen. Er nahm ein gebrochenes Herz mit. Ihr war klar, sie würde jetzt weitermachen und er ebenso. Was ihnen beiden blieb, war die Erinnerung an die Vergangenheit, ihre 20-jährige Ehe. Was ihnen fehlte, war die gemeinsame Zukunft.

Liebe am Meer (2015)

Sanft strich das Schilfgras um ihre Nase. Es kitzelte sie, aber auf eine angenehme Weise. Sie hatte es sich in den Dünen gemütlich gemacht. Mit dem sanften Wind in ihren Haaren und dem angenehmen Meeresrauschen im Ohr, hatte sie sich ein geeignetes Plätzchen für ihre rot-blau karierte Picknickdecke gesucht. Bevor sie sich auf den Bauch legte, hatte sie ihre graue Stofftasche ausgeräumt. Die kleinen bunten Plastikdosen, die sie aus ihr fischte, enthielten allesamt kulinarische Leckereien: selbstgemachte Antipasti, in Knoblauch-Chili-Öl gebratene Zucchini-Chips, mit Reis gefüllte Weinblätter, griechischen Bauernsalat und eine Auswahl an schmackhaften Käsesorten: Pecorino, Parmigiano, Gorgonzola, Espresso-Cheese. Zu guter Letzt zauberte sie noch eine gut gekühlte Flasche halbtrockenen Mosel-Weißwein aus ihrer Tasche hervor. Der Wein war der krönende Abschluss ihres köstlichen Mahls. Sie wusste, wie sehr er diesen Wein liebte und freute sich schon auf seine strahlenden Augen, wenn er sie in den Dünen vor seinem Haus finden würde. Er bewohnte das letzte Haus im Osten der Insel mit direktem Meereszugang. Ein stilles und einsames Paradies.

Als sie ihn in seinem Garten sah, durchzog ihr Gesicht ein strahlendes Lächeln. Wie wunderschön und glücklich er aussah, während er mit seinen Kindern spielte. Und wie liebevoll er seine Frau in diesem Moment küsste. Dann nahm sie eine kleine Ampulle aus ihrer Hosentasche und schüttete den Inhalt in ihr Weinglas. Sie prostete ihm von der Ferne aus zu und weinte, während sie die Wirkung des Gifts in ihren Adern spürte. „Ich werde dich immer lieben“, waren ihre letzten Worte. Einen Tag später fand er sie in den Dünen vor seinem Haus. Er hatte sie noch nie zuvor gesehen und dennoch erschütterte ihn der Anblick dieser toten, bildhübschen Frau zutiefst.

Stell dir vor, du bist Deutscher (2015)

Stell dir vor, du bist Deutscher. Du lebst in Deutschland und du lebst dort gut. Du bist Mitte dreißig, deine zwei Kinder werden bald schon in die Schule gehen. Du hast einen Job, es ist zwar nicht der Traumjob, aber wer hat den schon. Er finanziert dich und deine Familie: deine süßen Kinder, die immer teurer werden und deine wunderschöne Frau. Ihr habt ein tolles Leben, wenn ihr mal ausgehen wollt, sind die Großeltern zur Stelle, um euch die Kinder abzunehmen. Du liebst sie so sehr, deine kleine Familie und du kannst sie versorgen.

Zwei Jahre später bist du immer noch ein Deutscher, der in Deutschland lebt. Doch das Land hat sich verändert. Auf einmal hat die ISIS die Grenzen des Landes überschritten. Überall herrscht der Terrorismus. Es ist furchtbar, zu spät hatte man das Problem erkannt. Dass so etwas mit deinem einst so sicheren Land passieren konnte, damit hast du nicht gerechnet. Du kannst nicht mehr zur Arbeit gehen und deine Kinder wurden erst gar nicht eingeschult. Sicherheit gibt es nicht mehr. Eines Tages steht ein Selbstmordattentäter vor deinem Haus, als du gerade mit deinem Sohn unterwegs bist, um etwas zu Essen für die Familie zu besorgen. Er sprengt sich in die Luft und mit sich auch dein Haus, deine geliebte Frau, deine kleine süße Tochter und deine Eltern, die mittlerweile bei euch wohnen.

Du und dein Sohn, ihr kommt wieder. Voller Stolz tragt ihr eure Tüten. Ihr freut euch auf die strahlenden Augen der restlichen Familienmitglieder. Denn Essen und Wasser ist mittlerweile zu einem seltenen und kostbaren Gut geworden. Doch nichts ist mehr da. Du hast alles verloren, außer deinen Sohn. Du willst aufgeben, doch du kannst nicht. Du bist ja immer noch Vater. Deshalb flüchtest du mit ihm. Ihr erlebt alle möglichen erniedrigenden und demütigenden Torturen auf eurer Flucht. Ihr fühlt euch nicht mehr wie Menschen, sondern wie Ratten, die um Menschenrechte und um ihr Leben kämpfen müssen. Auf deinen Sohn wird uriniert. Du wirst geschlagen.

Dann endlich, nach einer langen zermürbendenen Flucht, kommt ihr in einem Land an, das voller Wohlstand ist und in der die Demokratie überlebt hat. Du fasst neues Vertrauen, neuen Lebensmut. Es gibt endlich eine Zukunft für deinen traumatisierten Sohn und dich. Wie sollen eure seelischen und mittlerweile auch körperlichen Wunden jemals heilen, fragst du dich? Du kommst an, empfindest das erste Mal seit Monaten wieder ein klein wenig Glück. Doch da, wo du wohnen sollst, stehen die Einwohner des Landes vor deinem Haus. Sie bewerfen dich, pöbeln dich und deinen Sohn an, schmeißen mit Feuerwerfern auf dich, schreien etwas, was du nicht verstehst, aber es hört sich nicht nach einem freundlichen Willkommensgruß an. Ein Teil deines neuen Zuhauses brennt. Wie sollt ihr da nun noch wohnen, wo ihr noch nicht mal eingezogen seid?

Und nun ersetze die Worte Deutscher und Deutschland mit einer beliebigen anderen Nationalität und einem anderen Land. Versetze dich in die Lage eines jeden Flüchtlings und nimm ihn mit offenen Armen auf. Denn auch du könntest einmal Flüchtling sein. Möchtest du, dass du und deine Familie auch durch eine solche Hölle gehen müssen, nach allem, was euch bereits angetan wurde? Glaubst du, du bist als Flüchtling nichts mehr wert?

Der Abgrund (2015)

Weiter konnte sie nicht gehen. Der Abgrund lag direkt vor ihr. Trotz der 40 Meter hohen Klippe konnte sie die Stärke des dunklen Meeres mit den weiß schäumenden Wellen hören. „Hier soll es also zu Ende gehen. Das Leben, das ich so sehr liebte. Mit jedem Atemzug habe ich es gelebt, geliebt und geatmet. Nichts hat mich je glücklicher gemacht. Doch nun gibt es nichts mehr, was mich davon abhalten kann. Ich werde es beenden, bevor es alles zerstört.“

Langsam drehte sie sich um, ihr Blick war starr. „Es tut mir leid. Wir werden uns nicht mehr wiedersehen. Ich liebe dich, doch ihn liebe ich mehr.“ Sie hob ihr schlafendes Baby aus dem Kinderwagen und warf es die Klippen hinunter. Dann drehte sie sich um und ging fort. Sie beruhigte sich selbst mit den Worten „Es war richtig. Du musstest es tun. Er hätte es sonst rausgefunden, dass es nicht sein Kind ist. Dann wäre alles vorbei gewesen.“ Ein leichter Wind umwehte den grünen Kinderwagen, der friedlich am Abgrund der Klippe stehen blieb.

Nachbarschaftsstreit (2015)

Die Frau ist gezeichnet durch Verbitterung. Nervös knibbelt sie an ihren Fingernägeln. Ihre Augen blinzeln zuckend. Ihr unsteter Blick schweift nervös durch das Abteil. Die Mundwinkel sind so sehr nach unten gebeugt, als gäbe es eine unsichtbare starke magnetische Anziehungskraft. Aschfahle Haut umstreicht ihre trostlosen, ungeschminkten blauen Augen. Plötzlich sucht sie in Ihrer schwarzen Krokodilsledertasche etwas. Sie zückt ihr Handy und wählt eine Nummer. Nach nur einem Satz der Person am anderen Ende der Leitung wird sie laut und ungehalten.

„Das ist mir doch egal, Mama. DIE grüßen mich doch nicht. Ich weiß nicht, was du von mir willst. Ich zieh da bestimmt nicht weg. Das ist doch deren Problem. Ich brauche die nicht. Ich bleibe verdammt noch mal in dem Dorf wohnen, ob es denen passt oder nicht.“

Wütend legt sie auf. Ihre Augen sind nun zornig. Während sie nach draußen auf die vorbeigleitende Landschaft schaut, beginnt sie, mit sich selbst zu reden.

„Was will die denn jetzt? Ich bleib da… Die werden schon sehen… Ich lass mich doch nicht einfach vertreiben…aus MEINEM Dorf!“

Mit einem Ruck springt sie auf und rennt schreiend und wild gestikulierend durch das Abteil. Ihre Augen bewegen sich stark zuckend von links nach rechts und rechts nach links.

„Was wollt ihr denn? Was glotzt ihr so? Ich weiß, dass Ihr alle unter einer Decke steckt. Aber mich kriegt Ihr nicht klein.“

Sie lacht hysterisch, zieht eine Waffe aus ihrer Tasche und schießt sich selbst in den Kopf. Im Abteil ist plötzlich Stille eingekehrt. Nur noch das leise Rattern der Räder ist zu hören…

Holy World (2015)

Die Sonne strahlt ihr ins Gesicht, als sie die Füße auf den Balkonkästen ablegt. Ein tiefes, wohliges Seufzen entfährt ihrem Körper. Langsam lässt sie ihren Oberkörper nach hinten gleiten, um noch gemütlicher zu liegen. Sie streichelt sanft über ihren Bauch. Gestern hatte sie es Tommy gesagt. Sie und er würden Eltern von einem kleinen Mädchen werden.

Nach einem kurzen Schockmoment, sah sie das Funkeln in seinen grün-blauen Augen. Er schnappte sie, drehte sich mit ihr und rief immer wieder freudig: „Ich werde Vater, ich werde Vater!“ Dann setzte er sie behutsam ab und küsste sie so intensiv und innig, wie schon lange nicht mehr. Fast würde sie sagen, dass sie sich noch nie zuvor so geküsst hatten.

Seitdem befand sie sich gefühlt im Paradies. Er kochte für sie, putzte, bediente sie von vorne bis hinten und streichelte sie jedes Mal, wenn er vorbei kam. In diesem Moment befand er sich in der Küche, um einen Espresso zu machen, nachdem er zuvor ein köstliches Drei-Gänge-Menü gezaubert und aufgetischt hatte. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals so glücklich gewesen zu sein. Sie ist so entspannt, dass sie in einen tiefen einstündigen Schlaf fällt. Als sie wieder aufwacht, ist Tommy nicht auf dem Balkon. Sie betritt die Wohnung, um ihn zu suchen. Auf dem Küchentisch sieht sie einen kleinen Zettel. Lächelnd nimmt sie diesen in die Hand. „Bestimmt ist er schnell ein Eis holen gegangen, ist ja auch wirklich ein wunderbarer Sommertag“, denkt sie sich. In freudiger Erwartung beginnt sie zu lesen:

Ich bin gegangen. Es tut mir leid. Ich kann nicht anders. Ich bin kein guter Vater. Frag meine Schwester, sie wird dir sagen, dass ich bei Kindern nicht widerstehen kann. Ich möchte, meinem eigenen Kind nicht das antun, was ich ihr antat. Ihr lebt besser ohne mich.

Sie lässt den Zettel zu Boden fallen.

Die Reise ihres Lebens (2015)

Sie sitzt im Zug auf dem Weg zu ihren Freunden. Diese hatten sich entschieden, auf´s Land zu ziehen. Wie schon viele Wochenenden zuvor, wollte sie ihnen beim Renovieren helfen. Das machte ihren Kopf frei und sie selbst mal wieder für einen kurzen Moment glücklich. Auch heute scheint wieder einmal die Sonne, welche ihr Gesicht durch die Fensterscheibe wärmt. Die grüner werdende Lanschaft zieht vorbei und stimmt sie nach und nach auf das ruhige Landleben ein. Sie wird immer ruhiger. Jeder Kilometer lässt ihren Atem ruhiger werden. Sie lächelt und spürt die Entspannung in den Zellen ihres Körpers. Schon bald würde sie im Garten ihrer Freunde sitzen und bei Kaffee und Kuchen von ihrer Nerven zerreißenden Woche berichten. Diese Zeit nahmen sie sich jedes Mal, bevor sie mit der Arbeit am Haus begannen. Als sie ihre Augen öffnet, muss sie diese erstmal an das grelle Licht gewöhnen. Doch was sie sieht, ist keine Irritation durch die Blendung der Sonne…

Express News: Düsseldorf, 01.06.2015: Tragisches Zugunglück – Keine Überlebenden

Der verbotene Keller (2015)

Ein leises Rascheln aus der hinteren Ecke. Ich zucke zusammen, drehe mich um. „Wo bist du verdammter Mistkerl?“ schreie ich wütend in mich hinein. Stille durchströmt den dunklen Raum, dessen Lichtquellen schon vor Jahren versiegt sind. Zu viel Grausames ist hier geschehen. Niemand aus dem Haus wollte jemals diesen Raum wieder betreten. Es herrschte ein stillschweigendes Abkommen darüber. Man sprach nicht mehr über das, was damals passiert ist. Nur noch die anderen Räume im Keller wurden genutzt. Ich zittere am gesamten Körper, Schweiß bildet sich an meinem ganzen Körper. „Nur nicht den Verstand verlieren“, versuche ich mich selbst zu beruhigen. Doch ich kann es nicht lassen. Ständig kommt mir die Geschichte von früher in den Kopf. Meine arme Schwester, wie hatte er ihr das nur antun können. Zu Tode gequält, er hat sie hungern lassen, bis sie vollkommen kraftlos war, dann hat er ihr jedes Haar einzeln ausgerissen. Sein perfides Psycho-Spiel mit ihr getrieben. Und schließlich hat er sie kaltblütig verbluten lassen, nach einem Schnitt durch ihren Bauch. „Oh, mein Gott.“ Bei  jeglichem Gedanken an den grausamen Tod meiner Schwester habe ich nur noch eines im Kopf: „Ich muss hier raus, ich muss mich zusammenreißen und klar denken. Dann komm ich hier auch wieder heile raus. Und dann werde ich mit meiner gesamten Familie dem Ganzen ein Ende machen, endlich aus diesem Haus ausziehen. Das hätten wir schon viel früher tun sollen.“ Doch zu spät, ich sehe, wie der Schatten aus seiner Ecke springt, auf mich drauf, mir etwas modrig riechendes über den Körper stülpt. Es ist zu spät. Das Letzte, was ich höre ist eine Frauenstimme, die den Schatten fragt: „Und hast du die Maus gefangen?“ Stolz antwortet der Junge „Ja, hier drin“ und hebt den Kartoffelsack in die Höhe.

Es war einmal… (2015)

Es war einmal eine Liebe, die konnte niemand durchtrennen und niemand verstehen. Es war die Liebe, die so viele Menschen einmal oder auch niemals in ihrem Leben finden werden. Zwei Personen, ineinander verschlungen. Eins in ihren Träumen, Vorstellungen, Gefühlen füreinander und Wünschen. Jede freie Sekunde verbrachten sie miteinander. Wenn sie getrennt voneinander waren, konnten sie den Schmerz kaum aushalten und auch nach Jahren hatten sie ein Kribbeln im Bauch, wenn sie sich sahen. Sie liebten sich so sehr, dass sie niemand anderen mehr wahrnahmen. Auch nicht sich selbst.

Doch dann begann einer der Liebenden sich selbst wahrzunehmen, während der andere der Liebenden dies nicht tat. Der Eine jedoch nahm sich von Tag zu Tag immer mehr wahr, doch vergass auf diesem Wege, den anderen Teil wahrzunehmen. Er vernachlässigte diesen immer mehr, bis er nur noch sich selbst sehen konnte.

Doch nun begann auch der andere Teil der Liebenden sich selbst wahrzunehmen und er spürte, dass etwas nicht stimmte. All die Jahre hatte dieser Teil sich selbst nicht wahrgenommen und ist irgendwo verloren gegangen. Aber wo war er nur hin? Er fragte den anderen Teil der Liebenden, ob er diese Frage beantworten könnte, doch der reagierte gar nicht auf ihn. Es schien ihn nicht mal zu interessieren. Er wunderte sich sehr über den einen Teil der Liebenden. Da merkte der andere Teil der Liebenden, dass er vor lauter Wahrnehmung des einen Teils der Liebenden, seinen eigenen Teil verloren hatte. Das alles wäre ja nicht so schlimm gewesen, hätte er ihn wiedergefunden und der eine Teil der Liebenden ihm dabei geholfen. Doch jetzt merkte der andere Teil der Liebenden, dass er nicht nur sich selbst verloren hatte, sondern auch den einen Teil der Liebenden. Denn dieser nahm ihn gar nicht mehr wahr. Das machte ihn sehr traurig. Und je mehr er darüber nachdachte, merkte er, dass der eine Teil der Liebenden ihn auch schon seit Jahren nicht mehr wahrgenommen hatte, sondern nur noch sich selbst. Da wurde es ihm ganz schwer um´s Herz und er ging los, um seinen einen Teil wiederzufinden und einen anderen einen Teil der Liebenden zu finden.

Auf der Suche nach Glück (2015)

Immer und immer wieder schlägt sie mit der Stirn gegen die Wand. Klopf, klopf, klopf sagt sie sich selbst wie ein Mantra auf. Sie will den Schmerz vernichten, den sie trägt in ihrem Herzen. Zu lange ist dieser da, steckt fest. Sie atmet schwer, während sie in meditativer Genauigkeit immer wieder gegen die Wand schlägt. Mit jedem Mal, jedem äußeren Schmerz, jedem einzelnen Blutstropfen, der ihr von der Stirn tropft, vergeht ihr innerer Schmerz.

Sie verabschiedet sich ganz langsam von ihm, Schritt für Schritt tritt er aus ihrem inneren Bewusstsein in ein weit entferntes und verschlossenes Unterbewusstsein. Auf einmal merkt sie es, innerlich frei wie schon lange nicht mehr, stoppt sie die Schläge an die Wand und schreit auf.

Ihre weiße Wand ist blutverschmiert, an ihren Füßen bildet sich eine rote Lache. Sie schreit und schreit, schreit den Schmerz aus sich raus. Doch niemand kann sie hören, denn sie schreit ihren äußeren Schmerz nach Innen hinein. Langsam setzt sie sich auf den Boden. Das Blut fließt aus ihrem Kopf, doch sie lacht. Sie lacht so sehr, wie noch nie zuvor in ihrem Leben. „Er ist weg, er ist weg“ ruft sie laut. Sie hat all ihre inneren Dämonen überwunden und bricht mit einem Lächeln im Gesicht zusammen, einsam in ihrer Wohnung, wo sie das größte Glück ihres Lebens empfindet und genau in diesem Moment am Glück verblutet.

Der Zerstörer (2015)
Da steht sie nun mit dem Rücken zu mir: ein kleines Häufchen Elend mit nach unten hängenden Schultern. An ihrem Leib trägt sie nichts außer zerrissenen Fetzen. Sie zittert am ganzen Körper und bringt nur ein leises Jaulen hervor, das sich anhört wie das klägliche Winseln eines Welpen, dem man auf den Schwanz getreten ist. Es ist eine unerträgliche Situation. Irgendwo im Hintergrund nehme ich ein klapperndes Geräusch wahr, wie etwas, was immer und immer wieder gegen irgendwas stößt. Der Anblick dieser jungen schätzungsweise Anfang 30-jährigen Frau lässt mich erschaudern.

Die Nachbarn haben mich auf dieses Drama aufmerksam gemacht. Sie haben Schreie gehört und schließlich die Nachbarin auf dem Fenstervorsprung ihrer, im fünften Stock liegenden, Wohnung entdeckt. Nachdem niemand die Tür aufgemacht hat, musste ich gewaltsam in die Wohnung der jungen Dame eindringen. Da ich speziell für solche Fälle ausgebildet bin, stehe ich nun alleine mit der Betroffenen in ihrem Zimmer, während unten ein Großaufgebot an Feuerwehr und Polizei bereit steht. Im Gepäck habe ich ein einziges Ziel: das Leben dieser Frau zu retten. Sie davor zu bewahren, eine große, nicht mehr rückgängig zu machende Dummheit zu begehen. Doch, ich kann mir nur ausmalen, was diese Frau hat durchmachen müssen, um so weit zu gehen. Ich habe schon so viele Schicksale erlebt, dass ich mich immer wieder frage, wie wir uns nur anmaßen können, was richtig und was falsch ist. Manche Menschen, die so weit gehen und sich selbst das Leben nehmen möchten, haben so unendlich viel zuvor durchgemacht, dass ein normales Leben, trotz jahrelanger therapeutischer Behandlung, gar nicht mehr möglich ist. Dann folgen manchmal Drogen, der totale soziale Absturz und schließlich auch noch ein früher Tod, einsam und zerstochen auf der Bahnhofstoilette.

„Hallo“ versuche ich mich vorsichtig an die wohl hundertste verzweifelte Dame in meiner Karriere als Polizeipsychologin, heranzuwagen. Nichts passiert. Nicht mal ein Zucken. Ich nähere mich ihr weiter, während ich jeden meiner Schritte verbal erläutere, damit sie nicht erschrickt, wenn ich plötzlich neben oder direkt hinter ihr stehe und womöglich noch aus Versehen aus dem Fenster fliegt. Mit jedem meiner Schritte wird das Jaulen der Frau lauter und deutlicher. Es ist so berührend, dass es mir einen Schauer über meinen gesamten Körper jagt. „Frau Stiefeln, mein Name ist Elisabetta Assurdo. Ich bin Polizeipsychologin. Ihre Nachbarn haben mich gerufen, nachdem sie Schreie gehört haben. Möchten Sie mir erzählen, was hier vorgefallen ist?“ Ich frage mich jedes Mal, ob ich das wissen möchte. Meistens sind die erlebten Geschichten so grausam, dass auch ich schlaflose Nächte habe. Wenn ich mich rechts und links umsehe, könnte man meinen, ich stehe mitten auf einem Schlachtfeld. Vielleicht ein Raub…aber da muss noch mehr sein. Frau Stiefeln sah furchtbar aus mit ihren zerrissenen Kleidern…womöglich eine Vergewaltigung…oder ein gewalttätiger Partner. Während ich zu meinem nächsten Satz ansetzen möchte, geschieht etwas Merkwürdiges. Das Winseln findet ein jähes Ende und Frau Stiefeln dreht ihren Kopf ganz langsam in meine Richtung. Mit verquollenen Augen und einem durch Make-Up und Wimperntusche verschmierten Gesicht fixiert mich die junge Frau. Die durch den unaufhaltsamen Tränenstrom blutunterlaufenen Augen spiegeln sicherlich nur einen Teil von dem wieder, was sie durchgemacht haben muss. Ich zucke zusammen bei diesem Anblick und empfinde großes Mitgefühl für die Frau, die doch eigentlich noch ihr gesamtes Leben vor sich hat, doch wohl nie wieder Unbeschwertheit oder Leichtigkeit empfinden wird, sollte sie das hier überhaupt überleben. Sie bewegt ihre Lippen. Doch außer unverständlichen Geräuschen kann ich leider nichts verstehen.

„Bitte versuchen Sie sich zu beruhigen, Frau Stiefeln. Ich kann sie sonst nicht verstehen. Es wird alles gut werden. Erzählen Sie mir ganz in Ruhe, was Ihnen zugestoßen ist.“ Als wäre das ihr Stichwort gewesen, bricht es mit einem Mal aus ihr heraus „Wie konnte er mir das nur antun?“ „Wie konnte er mir das nur antun?“ „Wie konnte er mir das nur antun?“. Immer und immer wieder die gleiche Frage mit sieben scheinbar unbedeutenden Worten voller Leidenskraft und Unheil. „Wer, Frau Stiefeln? Wer hat Ihnen was angetan?“ „Er, der mieseste, dreckigste, kleinste Müllschlucker.“ OK, vermutlich sprach sie von einem Ex-Partner, also ein Gewaltverbrechen mitten aus dem privaten Umfeld. So was erlebte ich ja häufiger. Die meisten Täter stammten in so einem Fall aus dem engen Umkreis, was es für die Betroffenen nachher umso schwerer machte, jemals wieder Vertrauen aufzubauen. „Frau Stiefeln, möchten Sie nicht erstmal von Ihrer Fensterbank runterkommen und sich zu mir setzen. Dann sprechen wir in Ruhe über alles.“ Sie scheint ein wenig zu überlegen, bis sie schließlich mit zittrigen Fingern meine ihr dargebotene Hand berührt. Erst jetzt sehe ich, dass sich in ihrer fest zusammengepressten Faust etwas glitzerndes, schimmerndes befindet. Oh Gott, hoffentlich kein Messer. Ich helfe Frau Stiefeln vom Fensterbrett herunter, setze sie auf das Sofa und drücke blitzartig auf die Pulsadern ihrer geschlossenen Faust, so dass diese sich für einen Bruchteil durch einen automatischen Reflex öffnet. Bevor Frau Stiefeln reagieren konnte, schnappe ich mir das Inliegende aus ihrer Faust. Doch was ich nun zwischen meinen Fingern halte, erstaunt mich noch mehr, als dieser ganze Fall. Es war ein silberner Absatz eines Schuhs. Als ich Frau Stiefeln daraufhin fragend ansehe, sackt ihr Körper vor lauter Erschöpfung zusammen. Ich lege ihre Beine hoch auf das Sofa und decke sie mit einer wärmenden Wolldecke zu. Da drängt sich das klappernde Geräusch, das ich schon bei Betreten der Wohnung wahrgenommen habe, erneut in mein Bewusstsein. Da Frau Stiefeln einigermaßen beruhigt zu sein scheint, versuche ich herauszufinden, woher das Geräusch kommt.

Ich bewege mich in Richtung Flur, wo es immer deutlicher zu hören ist. Hinter einer kleinen Tür scheint sich etwas zu bewegen. Ich ziehe meine Pistole aus dem Halfter und reiße blitzschnell die kleine Tür auf, während ich rufe: „Polizei. Hände hoch!“ Doch in dem Raum, der sich als begehbarer Schuhschrank entpuppt, ist nichts außer einem kleinen runden Automatik-Mini-Staubsauger, der sich anscheinend so festgefahren hat, dass er immer und immer wieder gegen den Schuhschrank fährt. „Sehen Sie“, höre ich es hinter mir sagen. Ich zucke zusammen und sehe Frau Stiefeln, die sich irgendwie unbemerkt an mich herangeschlichen hat. „Was soll ich sehen?“ „Den kleinen dreckigen, miesen Müllschlucker.“ Ich folge der Richtung ihres ausgestreckten Zeigefingers und tatsächlich zeigt sie auf den kleinen Automatik-Staubsauger. „Das ist der Müllschlucker, von dem Sie vorhin gesprochen haben? Und der hat Ihnen was genau angetan? Ihnen die Kleider vom Leib gerissen, dieses Chaos verbreitet, Sie auf den Fenstersims getrieben, damit Sie Ihrem Leben ein Ende setzen?“ Mit großen erstaunten Augen schaut mich nun Frau Stiefeln an. „Schauen Sie doch in Ihrer Hand. Der Absatz ist das einzige Überbleibsel meines Manolo Blahnik Schuhs. ER, dieser kleine Bastard hat ihn gefressen, während ich einkaufen war. Wie konnte er mir das antun? Mir das Kostbarste nehmen, was ich auf der Welt habe?“ Ungläubig schaue ich diese junge Dame an „Aber, aber was ist mit Ihren Kleidern geschehen und mit diesem Schlachtfeld.“ „Ach so, das meinen Sie? Naja, das war ich. Ich bin durchgedreht, als ich das Drama gesehen habe, habe mir die Klamotten vom Leib gerissen und meine Wohnung verwüstet, um mich von dem unerträglichen Schmerz abzulenken. Doch es hat alles nichts geholfen, deshalb wollte ich dem Ganzen ein Ende setzen.“ „Sie wollten sich wegen eines SCHUHS das Leben nehmen? Sind Sie noch ganz dicht?“ „Ja, ich bin noch ganz dicht und wenn Sie das nicht verstehen, sind Sie wohl eher diejenige, die sich die Frage stellen sollte… .“ Während ich aus dem Staunen ob dieser Absurdität nicht herauskomme, dreht sich Frau Stiefeln um, rennt in die Küche, reißt das Fenster auf und springt aus dem Fenster.

Herzensbrecher (2015)
Vier Worte, bevor sie in meinen Armen zusammenbrach: „Er begehrt eine andere.“ „Was soll das heißen? Wie kann er so was sagen?“ „Er sagte zu mir: „Ich denke an eine andere, schon seit einem Jahr. Immer, wenn ich neben dir einschlafe und aufwache, wünschte ich, du wärest sie.““ „Dann lass ihn gehen!“ „Ich kann nicht. Er ist mein Leben. Am nächsten Tag nahm er es zurück, sagte mir, es sei nicht mehr real. Wisse nicht mehr, warum er mir das gesagt. Denn einzig und allein ich sei sein Schatz.“

Dann brach sie zusammen vor mir und sagte sie wüsste nicht mehr, was zu glauben sie hätte. „Lass ihn los“, sagte ich erneut. „Er tut dir nicht gut. Tut dir schweres Leid an. Sagt dir so furchtbare Sachen, die dich und dein Leben fertig machen. Was ist er für ein Charakter, der dir antut solch großes Leid? Verlass ihn und tue dies sofort!“

Doch sie sah mich an mit ihren traurigen, braunen Augen, tief erschüttert von so viel Schmerz, Leid und Ungerechtigkeit. „Ich kann nicht. Er ist mein Leben. Es tut mir leid.“ Mit diesen Worten drehte sie sich um, verließ mich, ging zurück in seine Arme.

Einen Monat später traf ich sie durch Zufall auf der Straße wieder. Die Augen schlug sie nieder, als ich fragte,wie es ihr nun ginge. Sie sagte gut, doch ich sah es ihr an. Verloren war ihr Lebensmut.

Danach sah ich sie nie wieder.

Luft holen (2015)

SIE
Ich kann nicht mehr. Warum hilft mir denn keiner? Ich schreie und schreie, bitte die Leute um Hilfe. Doch niemand glaubt mir. Er verfolgt mich. Der, den ich so fürchte. Ich höre seine Schritte, spüre seinen kalten Atem in meinem Nacken. Renne um mein Leben. Jedes Mal, wenn ich die Straße betrete, ist er da. Bin ich zuhause, vermeintlich sicher, steht er draußen. Er beobachtet mich, zieht mich aus mit seinen Blicken. Er zerstört meine Seele, raubt meine Sicherheit. Seit so vielen Jahren mache ich das nun mit. Ich kann nicht mehr arbeiten, traue mich kaum noch vor die Tür. Meine Freunde habe ich verloren, denn niemand hat mir geglaubt. Die Polizei will mir nicht helfen. Sie sagen, es sei niemand da. Doch ich kann ihn fühlen, selbst nachts. Er steht in meinem Zimmer, starrt mich an. Ich traue mich nicht zu atmen oder mich zu bewegen. Ich beobachte ihn, bis er im Morgengrauen wieder verschwindet. Ich habe Angst, dass er irgendwann aus seiner Ecke hervortritt, mir zu nahe tritt.

Schon wieder eine Nacht ohne Schlaf. Tiefe Augenränder und blasse Haut starren mich aus dem Spiegel an. Ich bin so allein mit meiner Angst, niemand ist mehr da. „All die Jahre verfolgt dich angeblich jemand…warum ist dir dann noch nie was passiert?“ Ich konnte es nicht mehr ertragen, diesen Hohn und Spott über mein Leid.
Es ist wieder soweit. Heute muss ich meinen Kühlschrank füllen. Ich gehe raus auf die Straße, da bemerke ich den Schatten hinter dem Baum. Er kommt mir näher, zu nah; eine Hand, die sich auf meine Schulter legt. Ich drehe mich um, um mich von seinen Klauen zu befreien.

Plötzlich sitze ich mit Dutzenden von fremden Menschen gemeinsam an einem runden Tisch. Wir essen. Alles sieht so aus wie in einer Kantine. Doch die Personen, die uns das Essen bringen, tragen weiße Kittel. Ich sehe mich genauer um und erblicke ein Schild. Auf diesem steht St. Katharinen-Psychiatrie – geschlossene Abteilung. Ein unglaubliches Gefühl macht sich in mir breit. Es ist Glück. Endlich bin ich abgeschieden von dem Bösen da draußen. Ich atme ein, ich atme aus, es muss so sein, nach all den Jahren. Ich atme ein, ich atme aus, ich hole Luft, ganz tief Luft. Glück durchströmt meinen Körper. Ich habe einen kurzen, klaren Moment in meinem Leben, bevor mich diese Kraft in das undurchdringliche Dunkel meines Inneren zurückzieht. Ich kann nicht anders, als hineinzugehen und den Alptraum meines Lebens weiterzuleben.

ER
Ich stehe in der Ecke, nahe dem Fuße deines Bettes. Ich kann sehen, wie du mich anstarrst. Wie du versuchst, still zu sein, nicht zu atmen. Um nicht aufzufallen, bewegst du dich nicht. Aber findest du nicht, dass das lächerlich ist? Bald hätte ich laut gelacht ob deiner Naivität. Du kleines dummes Wesen. Ich geh doch nicht weg, nur weil du dich nicht rührst. Deine Angst kann ich riechen. 24 Stunden bin ich bei dir. Ich stehe neben dir, gehe hinter dir, beobachte dich. Alles was du tust, machst du nicht allein. Ich bin beharrlich, aber bilde dir mal nichts drauf ein.

Ich kann nicht ohne dich leben. Du bist meine Obsession. Es gefällt mir, dass du weißt, dass ich da bin. Du bist so allein. Niemand ist an deiner Seite. Und das nur, weil du verrückt bist. Oder bist du es gar nicht? Was meinst du? Bin ich real, bin ich existent? Bin ich wirklich da, immer und überall? Du kennst die Wahrheit, oder? 24 Stunden am Tag ohne Schlaf, nur um dich zu sehen? Was bildest du dir ein? Glaubst du wirklich, du wärst so toll? Kein Wunder, dass dir niemand glaubt. Das klingt doch verrückt. was stellst du dich an, klagst hier rum? Du kannst doch froh sein, dass du nie alleine bist. Viele andere würden sich das wünschen.

Manchmal, wenn ich hinter dir herlaufe, erhöhe ich mein Tempo. Mein Puls rast, während ich dir immer näher komme. Ich spüre, dass du es weißt. Ich liebe deine Panik. Sehe die Gänsehaut und roten Flecken an deinem Hals. Wie du dich hilfesuchend umschaust finde ich entzückend. Ich weiß, dass dir niemals irgendwer glauben wird. Und du weißt es auch.

Mit einer bewundernswerten Ausdauer rennst du vor mir davon. Doch ich bin zäh, glaube mir. Ich höre nicht auf, dich unermüdlich zu „begleiten“. Heute, heute lass ich es drauf ankommen. Es ist mein großer Tag. Ich werde dich berühren, meine Hand auf deine Schulter legen. Und niemand wird es merken außer dir und mir. Ist das nicht schön, wir zwei gemeinsam und du doch so einsam. So tief miteinander verbunden. Ein Schauer der Vorfreude läuft mir über den Rücken. Ich zähle runter bis zu meinem großen Moment: drei, zwei, eins….

SIE
Wie ein Wirbel ziehe ich mich zurück in den Alptraum meines Lebens. Es ist, als würde mich die tiefe Dunkelheit umklammern. Dort, wo ich hineingesogen werde ist nichts außer Einsamkeit, Leere und Todesangst. Ich kann mich nicht wehren und plötzlich stehe ich wieder da. Genau dort, wo mein Alptraum ein jähes Ende gefunden hat. Hinter mir der unheimliche und unbesiegbare Mann.

Wie in Zeitlupe nehme ich seine Hand wahr, die sich langsam auf meine Schulter legt. Ich will schreien, doch ich kann nicht. Meine Stimme erstickt bei jedem Öffnen meines Mundes. Mein Herz schlägt so stark, dass es in meinen Ohren rauscht und meine Adern pochen. Oh Gott, jetzt ist es soweit, er tritt mir zu nahe. Er betritt eine neue Ebene. Er ist nicht mehr „nur“ der Beobachter. Er ist jetzt alles, was ich befürchtet habe. Er ist losgelöst. Es gibt keine Grenzen mehr. Ich drehe mich um, um mich zu befreien. Da steht er und lächelt mich an, als wär er ein alter Bekannter. Ich kenne ihn nicht. Ich weiß nur, dass er jede Nacht in meinem Zimmer steht und auch tagsüber an meiner Seite ist.

Er grinst ganz unverhohlen, nimmt mich in den Arm. Ich bin gelähmt, spüre nur noch meinen Puls. Schweiß bedeckt meinen gesamten Körper und doch zittere ich. Tief in mir drin schreie ich „Hilfe, Hilfe, kann mich denn niemand hören? Warum hilft mir keiner?“ Ein leises liebliches Flüstern erklingt in meinen Ohren: „Du weißt es, nicht wahr mein Schatz? Du weißt was jetzt passieren wird.“ Ich stehe kurz vor einem Zusammenbruch, als er die Umarmung löst, mich stehen lässt und mit einem leisen Kichern davongeht…

ER
Drei, zwei, eins…, ganz langsam lege ich meine Hand auf deine Schulter. Ich koste jede einzelne Sekunde deiner Angst aus. Dein Körper zittert und der Schweiß läuft an deinem Hals herunter. Es amüsiert mich, wie du dich umdrehst und deinen schmerzverzerrten Mund öffnest, ohne auch nur einen Laut von dir zu geben. Aus müden, blutunterlaufenen Augen schaust du mich panisch an. Vielleicht solltest du einfach mal nachts schlafen und mich nicht immer anstarren. Bei dem Gedanken daran muss ich einfach grinsen. Welche Macht ich nun über dich habe. All die letzten Jahre waren schon unbeschreiblich prickelnd, aber nun starten wir in eine neue Ära. Du weißt es. Ich weiß es. Um dir eine Ahnung davon zu geben, schließe ich dich fest in meine Arme und flüstere in dein Ohr: „Du weißt es, nicht wahr mein Schatz? Du weißt was jetzt passieren wird.“

Das Schaudern deines schmalen Körpers wird nun zu einem richtigen Beben. Ist es, weil du auch so freudig erregt bist? Oder hast du solch große Angst vor der Wahrheit? Glaube mir, wenn es jemand herausfinden wird, dann ich. Ich, dein bester Freund, dein einziger Begleiter, dein Fürst, der Tag und Nacht mit dir teilt. In guten wie in schlechten Zeiten…. Doch jetzt lasse ich dir und mir noch ein wenig Vorfreude und verlasse dich. Das erste Mal in acht Jahren, lasse ich dich alleine. Und das Beste daran ist, dass wir beide wissen, dass es so nicht bleiben wird…

SIE
Schwer atmend breche ich zusammen, nachdem er mich auf der Straße zurückgelassen hat. Alleine, das erste Mal seit acht Jahren bin ich wirklich alleine. Er ist einfach so davon gegangen. Wie kann das sein? Warum bin ich ihm so ausgeliefert? Wieso ist er immer an meiner Seite? Berührt mich das allererste Mal, seitdem er in mein Leben getreten ist, um dann einfach so davonzugehen? Ich falle zu Boden, weine und rufe: „Du Schwein, du elendiger Mistkerl. Lass mich endlich in Ruhe!“

Menschenmengen scharen sich um mich. Ich bin am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Jeden, der mir zu nahe kommt, schreie ich an: „Und ihr? Glotzt nur, aber wenn ich euch brauche, ist keiner da. Niemand ist da, niemand ist da! Warum ist nicht wenigstens einer für mich da?“ Meine Fäuste schlage ich mit einer solchen Heftigkeit gegen den Asphalt, dass aus ihnen Blut spritzt. Ich bin hysterisch, so dass ich das Polizeiauto und den Krankenwagen erst bemerke, als sie direkt neben mir Halt machen. Wie in einem Delirium bin ich auf einmal teilnahmslos, nehme keinerlei Geräusche mehr wahr. Ich atme ein, ich atme aus. Ich bin gefangen in einer Luftblase und kann nur noch beobachten. Sie geben mir Spritzen, ziehen mir etwas über den Kopf, binden mir etwas um die Hände und führen mich zu einem Wagen. Was danach geschieht, weiß ich nicht.

Bis ich schließlich in einem kleinen Zimmer aufwache. Es ist spärlich eingerichtet, ein Holz-Bett, ein Tisch, ein Plastik-Stuhl, ein Kleiderschrank. Kein Bild, kein Spiegel, keine Uhr an der Wand. Ich stehe auf und nähere mich der einzigen Tür in diesem Zimmer. Sie ist nicht verschlossen. Als ich auf den Flur hinaustrete, befinde ich mich in einem großen Gebäude mit vielen Stockwerken und einem hohlen Innenraum. Von der Ferne nehme ich Menschenstimmen wahr. Ich nähere mich mit schleppendem Gang diesem Geräuschpegel und öffne eine weitere Tür. Während ich den Raum betrete, nehme ich etwas an der rechten Wand wahr. Nur kurz, aber ich muss mich vergewissern, ob es wirklich wahr ist. Ich schaue noch einmal hin, dieses Mal genauer. Nein, das kann nicht wahr sein. Was ist hier los?

Ich kann es nicht glauben, was ich da sehe. An der Wand hängt ein Schild mit dem Namen St. Katharinen-Psychiatrie – geschlossene Abteilung. Aber das habe ich doch schon einmal gesehen. Doch war das wirklich real? Bin ich an dem einzigen Ort, an dem ich mich in den letzten acht Jahren sicher gefühlt habe. Was wird hier gespielt? Oh Gott, ich verliere meinen Verstand. Denk nach, Julie, denk nach! Was ist passiert zwischen dem Zusammenbruch auf der Straße und dem Aufwachen in dieser Einrichtung? Ich haue mir verzweifelt den Handballen gegen meinen Kopf, immer und immer wieder. Ich will all das hier endlich verstehen. Bin ich vielleicht ohnmächtig? Panik erfüllt mich. Oh Gott, wenn ich gleich wieder zurückgezogen werde in meine furchtbare Realität. Zurück in die Arme dieses Monsters. Beruhige dich, atme ein, atme aus! Vielleicht ist alles ganz anders.

Ich betrete das Zimmer, aus dem die Laute der Stimmen zu mir drängen. Ich suche jemanden, der Licht in mein dunkles Inneres bringen kann. Da, eine Frau im weißen Kittel. „Bitte helfen Sie mir. Wie bin ich hierhergekommen? Was ist passiert?“ Doch die Frau ignoriert mich. Beachtet mich gar nicht. Ich beginne, sie anzuschreien, doch erst als ich sie packe und schüttle, reagiert sie. Auf einmal kommen verschiedene Personen in Kitteln auf mich zu gerannt. Sie halten mich fest. Ich schlage um mich, doch ich habe keine Chance. Es folgt ein Piecks in meinen Arm, danach schwebe ich über den Flur. Ich versuche klar zu denken. Anscheinend trägt man mich zurück in das kleine Eckzimmer. Doch so sehr ich auch kämpfe, ich kann nicht wach bleiben.

Als ich wieder erwache, bemerke ich die Fesseln an meinen Händen und Füßen. Eine Frau steht mit dem Rücken zu mir gewandt. Ich rufe sie, bitte sie um Hilfe. „Bitte, helfen Sie mir. Warum werde ich gefesselt wie eine Schwerverbrecherin? Ich bin das Opfer, kein Täter.“ Die Frau dreht sich langsam zu mir um. Ich erkenne sie und Angst erfüllt meinen ganzen Körper. In Schockstarre sehe ich, wie sich mir das bekannte Gesicht Schritt für Schritt nähert.

ER
„Hallo Süße, damit hast du wohl nicht gerechnet. Ist das nicht schön, dass wir uns so schnell wiedersehen? An deinem heiligen Ort?“
Was für ein Kribbeln ich verspüre. Es ist herrlich, sie da so liegen zu sehen. So ausgeliefert und verloren. Wie sie mich ansieht. Voller Angst und dennoch voller Gedanken.
„Ich weiß, dass du dich gerade fragst, wie das nur alles möglich sein kann. Aber wie sollst du das schon verstehen du einfältiges, kleines Wesen?“
Langsam nehme ich die Langhaar-Perücke ab.
„Hast du dich denn nie gefragt, wie ich in deine Wohnung komme? Wie ich Tag und Nacht bei dir sein kann? Welche Macht ich besitze, um dir selbst hier so nahe zu kommen? Schau dich um. Wir sind ganz alleine. Niemand ist da, um dir zu helfen.“

Ich gehe zu ihrem Bett, streichle sanft über ihre Wange, den rechten Arm und ihre Hand. Sie versucht meiner Berührung auszuweichen, doch sie kann nicht. Sie ist vollkommen wehrlos. Dann kann ich nicht mehr anders. Ich stürze mich auf sie und schüttle ihre Schultern „Denk nach Julie! Denk nur einmal nach! Du weißt es, verdammt nochmal. All die Fragen, all die Rätsel. Du kennst die Antworten. Aber du willst sie nicht sehen. Willst mich nicht sehen. Aber ich bin real. Ich bin hier bei dir. Und ich lasse dich nicht allein. Nie mehr lasse ich dich unbegleitet. Nur du kannst dir selbst helfen. Also besinne dich! Was will ich wohl von dir? Du weißt es doch ganz genau. Höre in dein Inneres! Erinnere dich! Du kennst mich doch schon viel länger. Es war nicht das erste Mal, dass wir uns heute gesehen haben und du weißt das ganz genau.“

„Ja, ich weiß es“ sagt sie mit bibbernder, leiser Stimme. Vier Worte, die mich das pure Glück spüren lassen.

SIE
Ich schließe meine Augen und rufe „Hör auf, hör bitte auf!“ Ich brülle so laut ich kann. Endlich habe ich meine Stimme wiedergefunden. „Sei endlich still. Lass mich in Ruhe!“ Ich weine und schreie. „Oh Gott, lass mich endlich in Frieden. Verschwinde!“

Dann öffne ich langsam die Augen und bemerke, dass ich mir die Ohren zuhalte. Ich liege nicht mehr gefesselt in meinem Bett, sondern befinde mich in einem ganz anderen Zimmer. Es ist vollgestellt mit Büromöbeln. Ich schaue an mir herunter und sitze vollkommen frei auf einem grünen Ohrensessel. Das Mobiliar ist antik. Hohe Decken mit Stuckverzierungen fallen mir ins Auge. Und da sehe ich ihn, in der linken Ecke. Ein fremder Mann. Er dreht sich um zu mir und spricht mit sanfter Stimme: „Sehr gut haben Sie das gemacht. Sehr gut. Das ist der Durchbruch. Wir beide haben es geschafft. Sie haben gekämpft, doch am Ende konnten Sie die Wahrheit nicht mehr verleugnen. Sie wissen jetzt alles, stimmt es?“
„Ja, ich weiß es nun. Doch wie lange war ich hier?“
„Acht Jahre. Diese Zeit haben wir beide immer wieder zusammen verbracht.“
Ich schüttle meinen Kopf.
„So eine lange Zeit? Das ist ja furchtbar. All die Jahre sind verloren.“
Der Mann tritt an mich heran, legt mir seine Hand auf die Schulter.
„Aber es war nicht unnötig. Sie haben den Kampf gewonnen. Sie haben es endlich geschafft. Jetzt beginnt Ihr Leben.“
Ich betrachte meine Hände, den Körper, der so lange nicht zu mir gehörte. Langsam erhebe ich mich von dem Sessel und gehe zu dem großen Wandspiegel mit Goldrahmen.
„Sehr schön, Sie machen das Richtige. Schauen Sie sich genau an.“
Jeder Schritt tut mir weh. Es macht mir Angst, gleich zu sehen, wer ich bin. Ich schaue in den Spiegel. Der Mann fragt mich, was ich sehen kann. Und ich sage es ihm, da ich es endlich wieder weiß und die Wahrheit nun unvermeidlich ist. Tränen laufen mir aus meinen mit roten Äderchen durchzogenen Augen herunter, während ich mehr zu mir selbst, als zu dem Mann sage, der mein Psychiater ist: „Ich sehe mich, Julian Kross. Ich sehe mich, den Freund und Mörder von Julie Albaron.“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s