Du bist schuld – Teil 184


Sieben Monate und einen Tag nach der Schuld
Wangerooge:

Am darauffolgenden Tag erklangen laute, aufgeregt durcheinanderrufende Stimmen aus dem Kursaal der Insel, in dem der Professor die Pressekonferenz abhielt. Selbst unten am Strand waren diese zu hören. Der Saal war überfüllt, und draußen auf der Promenade standen Menschenmengen vor den Glasfenstern, um alles mitzubekommen, was sich da drinnen abspielte.
„Wie konnte das passieren?“, meldete sich ein Journalist zu Wort. Ein anderer rief dazwischen: „Sie sind verantwortlich dafür, dass kranke Menschen vor sich selbst geschützt werden. Wie konnten Sie diese arme Frau mit ans Meer nehmen?“ Es handelte sich offensichtlich um einen Bürger der Insel, der, wie so viele andere, die auch anwesend waren, kaum seinen Unmut zurückhalten konnte. Noch mehr empörte Rufe schlossen sich an.
„Sie sind doch unfähig!“
„Da kann man ja nur hoffen, dass man niemals auf eine Therapie angewiesen ist!“
„Einsperren sollte man Sie!“
„Wie konnte man Sie auf diese armen Menschen ansetzen? Haben Sie überhaupt studiert?“
„Besser direkt erschießen, anstatt zu hoffen, bei Ihnen Hilfe zu finden!“

Der Professor atmete einmal tief ein und aus, zog das Mikrofon an seinen Mund heran und begann mit ruhiger Stimme zu sprechen, so dass eine plötzliche Stille im Kursaal einkehrte.
„Ich verstehe Ihren Unmut und Ihre Zweifel unserer Einrichtung gegenüber. Aber Marisa Weller war auf dem Weg der Besserung. Sie war in einem scheinbar absolut stabilen Zustand, als wir sie mit auf diesen Ausflug nahmen, und lebte nicht mehr wie all die Jahre zuvor in einer Scheinwelt. Wir haben es durch versierte therapeutische Maßnahmen geschafft, dass sie sich endlich an ihr wahres Leben erinnern und ihre Schweinwelt fallenlassen konnte. Niemand von uns konnte auch nur im Entferntesten ahnen, dass das passieren würde. Das Einzige, was wir zum jetzigen Zeitpunkt wissen, ist, dass es ein kurzes Gespräch mit einem kleinen Mädchen gegeben hat und Frau Weller sich danach innerhalb von Sekunden verändert hatte. Wer das Kind war und was die beiden besprochen haben, konnten wir nicht herausfinden. Leider ist es so, dass die Psyche mit uns Menschen macht, was sie will, und der Einzige, der sie sich wirklich ganz genau ansehen und verstehen kann, ist man immer nur selbst. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich spreche. Nicht umsonst befasse ich mich seit Jahrzehnten tagtäglich mit der Psyche des Menschen. Aber diesen Vorfall konnte niemand voraussehen oder verhindern. Das gesamte Einrichtungspersonal bedauert sehr, was passiert ist. Wir sind uns aber auch einig, dass auf Grund der aktuellen Krankheitslage keine akute Suizidgefahr bei Frau Weller bestanden hat. Mehr gibt es an dieser Stelle nicht zu sagen. Wir danken Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und hoffen auf Ihr weiteres zukünftiges Vertrauen in uns.“
Er stand auf und verließ den Saal, bis er die empörten Stimmen nicht mehr hören konnte.

 

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Du bist schuld – Teil 183


Sieben Monate nach der Schuld
Wangerooge:

Langsam drehte sie sich um. Tränen schossen in ihre Augen, ihr Gesicht wurde kreidebleich. Ihre Mimik ganz offensichtlich durch Schmerz und Trauer verzerrt. Sie zitterte am ganzen Körper, während sie ihn ansah. Er stand einige hundert Meter von ihr entfernt, lächelte und winkte ihr zu. Auf einmal stand ihre neue, soeben noch friedliche Welt still, sie hörte und spürte nichts mehr, außer den Schmerz der alten Welt, der sie innerlich zerriss. Seine pechschwarzen Locken wehten im Wind. Immer noch gutaussehend, wie damals. Übelkeit übermannte sie. Und plötzlich war ihr alles klar. Sie wusste, dass es nur eine einzige Rettung für sie geben konnte. Zehn Meter vor sich sah sie einen älteren Mann, der gerade mit einem scharfen Messer einen Krebs auseinandernahm. Ohne zu zögern, rannte sie auf ihn zu, stieß ihn zur Seite, schnappte sich in Sekundenschnelle das Messer und rammte es sich mit ihrer letzten Kraft selbst ins Herz. Dreimal hintereinander, bis sie schließlich zusammenbrach. Vier Minuten später war sie tot.

 

Du bist schuld – Teil 182


Eine Woche vor der Schuld
Wangerooge:

Sie lief am Meer entlang. Die Sonne schien und ließ das blaue Meer funkeln. Der Wind war so stark, dass ihr die Haare immer wieder ins Gesicht fielen und leichte Sandböen über den weiß glitzernden Strand zogen. Mit einem Mal lief sie los. Rannte und rannte und rannte. Normalerweise joggte sie nicht, hasste es sogar regelrecht. Doch dieses Mal war es anders. Eine ganze Stunde lief sie, ohne auch nur einmal außer Atem zu kommen. Es war eher das Gegenteil. Je weiter sie lief, desto mehr spürte sie, dass sie Luft bekam. Sie fühlte die Kraft des Meeres und nahm sie auf, als wäre sie selbst ein Teil des Ozeans. Mit einem Mal stoppte sie und lachte, wie sie es schon lange nicht mehr getan hatte. Ihre Ausgelassenheit drückte das aus, wie sie empfand: sie war unfassbar glücklich und stark in diesem Moment. So laut sie nur konnte, brach das Lachen aus ihr heraus. Niemand außer ihr konnte sie hören. Und da wusste sie es: An diesem Ort würde sie sich endlich befreien von all ihren düsteren Dämonen, Gedanken und Erinnerungen. Hier würde sie bleiben und hier würde sie sterben. Sie hatte es endlich geschafft. Dann schrie sie all den Schmerz der letzten Jahre heraus. Der Wind trug ihre Worte auf das Meer hinaus, wo sie in der Unendlichkeit des Wassers verschwanden und verstummten.
„Ich bin frei! Ich bin frei! Ich bin frei!“

 

Du bist schuld – Teil 181


Am Nachmittag war es endlich so weit. Marisa konnte es kaum erwarten und hüpfte schon seit Stunden mit einem Dauergrinsen hin und her. Als sie aus der Einrichtung traten, merkte sie das erste Mal, dass sie nur durch eine Düne vom Meer, von ihrem geliebten Meer, getrennt gewesen war. All die langen Monate. Nachdem sie sie erklommen hatte, stellte sie sich gemeinsam mit den anderen direkt ans Ufer, hob ihren Kopf Richtung Himmel und genoss mit geschlossenen Augen die Sonnenstrahlen, die ihr das Gesicht wärmten, während sie dem beruhigenden Klang der Wellen lauschte. In ihrem Atem spürte sie die einzigartige, klare und reine Luft des Meeres ein. Ein wunderschönes, befreites Lächeln machte sich über ihrem leicht geröteten und erwärmten Gesicht breit, als plötzlich jemand leicht an ihrem Rockzipfel zog. Sie riss die Augen auf, senkte den Kopf und sah ein kleines Mädchen mit braunen Haaren, zwei Zöpfen und großen blauen Kulleraugen, das sie anlächelte. Marisa entspannte sich und grinste zurück. Sie mochte kleine Kinder, und dieses war wirklich süß.
„Hier, das soll ich dir geben“, sagte die Kleine. Dann überreichte sie ihr einen Zettel und rannte schnell davon. Marisa sah ihr hinterher, wie es hinter den Dünen verschwand. Dann faltete sie das kleine Blatt Papier auf und dachte sich: „Wahrscheinlich finde ich jetzt einen kleinen Kinderstreich oder auch eine Zeichnung von dem Mädchen.“ Erwartungsvoll las sie den Satz, der auf dem Zettel stand…

Du bist schuld – Teil 180


Sieben Monate nach der Schuld
Wangerooge:

Drei Wochen, nachdem Marisa ihr Erinnerung wiedergefunden hatte, betrat Professor Münch ihr Zimmer.
„Marisa, wie geht es Ihnen heute?“
„Danke, es geht mir ganz gut.“
„Gerne würde ich mich nun einmal für meinen harten Weg der vergangenen Zeit entschuldigen. Doch ich musste Sie aus Ihrer falschen Welt herausholen. Das konnte ich nur durch diesen Schockmoment erreichen. Ich weiß, dass es für Sie eine große Zumutung und Belastung war, sich Ihrem wahren Leben zu stellen. Aber Sie sind eine sehr starke Frau und haben es geschafft, dies durchzustehen. Ihre Entwicklung in den letzten Wochen ist wirklich beeindruckend.“
„Ja, ist schon in Ordnung. Sie haben Recht, es war furchtbar, aber ich fühle mich eigentlich ganz gut. Es ist hart, sein falsches Leben aufzudecken. Jedoch weiß ich auch, dass es der einzige und richtige Weg ist, um mein wahres Ich wieder zu entdecken und neu anzufangen. Und das ist ja genau das, was ich die ganze Zeit wollte. Endlich frei sein und ein neues Leben beginnen. Sowohl in meiner Scheinwelt, als auch jetzt.“
Er nickte. Dann sah er sie mit einem Lächeln auf dem Gesicht an.
„Sie sehen gut aus. Ich denke, Sie sind so weit.“
„So weit? Für was?“
„Ich weiß doch, wie sehr Sie das Meer lieben, deshalb dürfen Sie heute Nachmittag mit einer kleinen Gruppe von Patienten, mir und Tommy einen Strandspaziergang unternehmen.“
Marisa sprang auf vor Freude und umarmte den Professor, der leicht unbeholfen versuchte, sie wieder von sich zu lösen.
„Schon gut, schon gut. Es ist ein Anfang. Seit geraumer Zeit haben Sie keine Wahnvorstellungen mehr, deshalb wagen wir das nun mit Ihnen, um Sie nach und nach wieder an das Leben da draußen zu gewöhnen. Schließlich wollen Sie doch nicht für immer hierbleiben. Sie sind jung und haben noch ein richtiges Leben vor sich, wenn Sie es nur wollen.“ Kopfschüttelnd grinste sie ihn an, wie ein kleines Kind, das soeben sein erstes Spielzeug geschenkt bekommen hat. Sie fühlte sich so gut und frei wie schon seit Jahren nicht mehr und hatte das Gefühl, dass das Gefängnis ihrer Gedanken, das sie sich selbst gebaut hatte, seine Gitterstäbe fallen ließ, So, dass sie endlich wieder atmen konnte, vollkommen unbeschwert, leicht und frei.

 

 

 

Du bist schuld – Teil 179


Marisa saß dem Professor gegenüber, scheinbar in sich ruhend.
„Eines müssen Sie mir aber nun noch verraten! Ist er nun tot oder nicht? Sie sagten mir doch, dass Sie Maurizios Leichnam gefunden hätten. Aber wenn doch ich mich umbringen wollte und nicht er sich, wessen Leiche hat man dann gefunden?“
„Es gab zu keiner Zeit eine Leiche. Das musste ich Ihnen erzählen, da Sie sonst zu tief in Ihre damalige Psychose gefallen wären und Ihre Verschwörungstheorien weiter verfolgt hätten. Maurizio lebt, genauso wie Sie und ich. Er ist mit Ellie an einen Ort gezogen, den Sie nicht kennen. Die beiden sind glücklich. Und Sie werden es sicherlich auch irgendwann wieder werden. Lassen Sie Maurizio in einer unwichtigen Ecke Ihrer Erinnerungen hausen. Nun haben Sie sich von ihm gelöst und so soll es auch bleiben. Sie haben ein neues Leben begonnen und er wird das nicht mehr bestimmen.“

 

Du bist schuld – Teil 178


„Du hättest mich sehen müssen.“ Es war nun so klar, dass diese Nachricht nicht an sie, sondern an ihn gerichtet gewesen war … Schließlich war sie doch all die Jahre an seiner Seite gewesen. Doch er war derjenige, der sie kein einziges Mal wahrgenommen hatte.  „Du hättest mich nicht verlassen dürfen.“ Eine weitere Botschaft an ihn, dass er Ellie das Jawort gegeben und damit Marisa endgültig abgelehnt hatte.
„Du bist schuld an meinem Leid.“ Es war nicht die Nachricht von Maurizio, die sie so klar hatte erklären können, mit seinen Vorwürfen, die er ihr angeblich gemacht hatte. Dass sie daran Schuld tragen würde, dass er keinen beruflichen Erfolg und keine Freunde hatte, dass er an einem Ort leben müsste, an dem er nicht sein wollte. Nein, auch diesen Satz hatte sie selbst an den Spiegel geschrieben.Da ihre Meinung nach Maurizio die Schuld an ihrem Leid trug. Wäre er nicht gewesen, hätte sie ein ganz normales Leben führen können. Und die alles entscheidende erste Nachricht, die sie vermeintlich dorthin gebracht hatte, wo sie nun war: „Du bist schuld!“ Die Karte, die sie ihm zugesteckt hatte, bevor sie ins Meer hinausgelaufen war. Er trug die Schuld an ihrem Selbstmord und sollte nie wieder glücklich werden. Sollte stattdessen mit der aufgeladenen Schuld leben, an ihr scheitern und untergehen, wie auch sie an ihrer unerfüllten Liebe zu ihm zerbrochen war. Maurizio sollte endlich begreifen, dass ganz in seiner Nähe all die Jahre eine wunderbare Frau voller ehrlicher Liebe auf ihn gewartet hatte, die er nicht ein einziges Mal gesehen hatte. Und genau aus diesem Grund hatte er in ihren Augen eine große, unverzeihbare Schuld auf sich geladen, die sie letzten Endes in den Selbstmordversuch trieb.
Und schließlich noch: „Treue bis in den Tod“. Er hatte den „Treueschwur“ mit ihr durch seine Hochzeit mit Ellie gebrochen, und deshalb hatte sie sterben wollen.