Du bist schuld – Teil 91


Acht Tage nach der Schuld
Wangerooge:

Ellie betrat das Behandlungszimmer vom Professor und begann sofort mit ihrem neu gewonnenen Vertrauten zu sprechen. „Ich habe eine Erklärung für all das, Herr Münch. Maurizio ist gar nicht tot. Es ist nur ein weiteres Spiel, dass er mit mir spielt. Das passt zu ihm. Dass ich da nicht gleich drauf gekommen bin. Was für ein perfekter Plan. Er täuscht seinen Selbstmord vor und hinterlässt die Karte für mich. Weil er mich besser kennt als jeder andere Mensch, weiß er, wie ich mit Verantwortung umgehe und dass ich es kaum schaffen würde, mit der Schuld an seinem Tod weiterzuleben. Und er hat Recht. Schließlich bin ich nicht ohne Grund bei Ihnen gelandet. Ich bin mit der Nachricht seines Suizids nicht klargekommen. Doch ich bin hier, am Meer. Kann es hören und riechen, aber nicht sehen. Verstehen Sie? Er weiß, wie sehr ich den Ozean liebe und dass ich ihn mit Freiheit verbinde. Und mein ganzes Leben habe ich nach Freiheit gesucht. Es ist seine eigene kleine Form von Rache. Ich soll nie wieder frei sein, das Meer nie wieder sehen können. Aber dadurch, dass ich es weiterhin hören kann, werde ich jeden Tag an meine aussichtslose Situation und das Eingesperrtsein erinnert. Maurizio weiß, dass ich daran zerbrechen werde! Sie müssen ihn suchen, weil er noch lebt! Nicht ich, sondern er gehört hierher! Bitte, Sie müssen die Polizei einschalten. Bitte. Er schreibt sein Buch über mein Leben und steuert die Inhalte! Das hat er schon immer so gemacht. Die Dinge festlegen, und alle anderen nur als Nebendarsteller in Erscheinung treten zu lassen. Maurizio will der Autor sein, der die Fäden in der Hand hält. Verstehen Sie?“
Ellie steckte auf Grund ihrer neuen Erkenntnis voller Energie und sprang aufgeregt von einem Bein auf das andere. Sie war nicht verrückt, da war sie sich jetzt ganz sicher. Doch der Professor starrte sie an, seufzte und sagte: „Tja, also damit habe ich jetzt nicht gerechnet.“

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Du bist schuld – Teil 90


Drei Jahre vor der Schuld
Berlin:
Tagebucheintrag von Ellie:

Genieße den Moment! Welchen Moment, frage ich mich. Hilfe, dieses schnelle Karussell, lass es bitte nicht mehr so schleudern. Gib mir eine langsame Mühle, an der ich mich festhalten kann, wenn sich mal wieder alles dreht. Und Luft, ich brauche Luft zum Atmen. ATEMNOT – lass es nicht zu, lass es nicht geschehen, wenn es dich gibt, Gott, dann lass es nicht zu, dass wir uns gegenseitig zerstören. Wie Abrissbirnen, geboren, um zu zerstören.

Lebenslust     –    ohne Lust
Kuss                 –    ohne Gefühl
Liebe               –    ohne Hass

Ein Widerspruch in sich. Denn da, wo geliebt wird, wird auch immer gehasst. Was hält dich bei ihm, Ellie? Warum verlässt du ihn nicht? Diesen kleinen Jungen, der nicht erwachsen werden will!
Hass – es ist nicht die Liebe, nein, es ist der Hass, der uns am Leben hält. Uns Kraft und Ausdauer gibt! Den anderen zu hassen, um sich selbst lieben zu können.
Du liegst mir am Herzen, doch wie lange hält das Herz so etwas aus? Die temporäre Leidenschaft ist ein Begehren, doch warum begehrt man einen anderen?  Liebes Leid, das Leid der Liebe, wozu ist das gut? Ist Liebe etwas Schlechtes, eine Bürde, die einem auferlegt wird, wenn man sie zulässt? Ein Trauma, das nicht zu verarbeiten möglich ist?  Es ist alles so schlimm, nicht mehr tragbar. Trauer überflutet meinen Körper, immer und immer wieder. Ich spüre meine Innereien, wie sie sich zusammenziehen, um das Wichtigste schützen: mein Herz, der Ursprung allen Lebens, aller Gefühle. Werden sie es schaffen, das geschwächte, verlorene Herz zu retten? Nur die Zukunft und das Lebensende können mir eine Antwort auf diese Fragen geben und Gott, wenn es ihn geben sollte.

 

Du bist schuld – Teil 89


Acht Tage nach der Schuld
Wangerooge:

Mit tiefen Augenrändern betrat sie den Frühstückssaal. Ellie hatte schlecht geschlafen, immer wieder unruhig geträumt. Alles war durcheinandergeraten und mittlerweile fragte sie sich, ob sie diese Karte wirklich nur erfunden hatte, wie es der Professor gesagt hatte. Aber es war alles so real gewesen. Sie schauderte bei dem Gedanken, dass sie nicht mehr zwischen Realität und Phantasie oder Traum unterscheiden konnte. In diesem Moment würde sie dankbar die starken Tabletten des Professors annehmen, um einfach nur schlafen zu können. All ihre wirren Gedanken und Erinnerungen hinter sich zu lassen, schien ihr gerade sehr erstrebenswert.
„Wenn ich so weitermache, komme ich hier nie wieder raus“, dachte sie sich. „Ich muss mich zusammenreißen und darf nicht mehr solche Ausbrüche haben. Aber sie hat doch da gelegen. Ich bin mir sicher. Die Karte war da. Nur, wenn sie wirklich da gewesen ist, was hat das zu bedeuten? Der Spruch geschrieben mit der Handschrift eines Toten? Wer hat mir die Karte auf mein Bett gelegt und wer hat sie vor der Ankunft des Professors  verschwinden lassen? Steckt womöglich ein Plan dahinter, mich komplett verrückt zu machen? Aber wer sollte das tun wollen?“ Plötzlich kam ihr ein furchtbarer Gedanke. „Was, wenn Maurizio gar nicht tot ist?“

 

Award & Einblick in das neue Buch


Ihr Lieben,

trotz eurer zahlreichen Unterstützung hat es nicht geklappt, den Kindle Publisher Award zu bekommen. Aber vielleicht ja nächstes Jahr! Schon bald wird mein neues Buch „Du bist schuld“ veröffentlicht. Und während dafür die Planung läuft, habe ich nun mit der Arbeit an meinem ganz neuen Buch „Weg zwischen Himmel und Hölle“ begonnen. Wer Interesse hat, hier die ersten Worte. Ich hoffe, Sie machen euch Lust auf mehr, Eure Anna Avital 😉

Ich spürte einen Tritt in meine Magenkehle. Es war nicht wirklich ein physischer Tritt, aber es fühlte sich an, als würde mir jemand mit aller Macht meine Gedärme rauspressen wollen. Übelkeit erfasste mich und Schweiß bedeckte nach und nach meinen Körper. Dann der linke Arm, ein Ziehen, als würde man meinen Unterarm vom Ellbogen abtrennen wollen. Ich riss die Augen auf, blickte auf das, was dort ablief. Niemand war da, der mir diese Schmerzen hätte zufügen können, nur ich und mein Körper. Mein Herz pochte wie wild und mit jedem Schlag breitete sich der unerträglich hart pochende Herzschlag in meinen Zellen aus. Was geschah da bloß mit mir? Ich wollte schreien, um Hilfe rufen, doch kein Ton drang aus mir hervor. Mit einem Ruck wurde ich nach hinten gerissen und fiel und fiel und fiel. Ins dunkle Nichts. Spürte nicht mal Angst, wollte einfach nur noch, dass es vorbei war.

Mit einem dumpfen Schlag prallte ich auf dem Boden auf. Meine Augenlider schlossen sich. Für einigen Sekunden war ich vollkommen entfernt von mir und meinen Qualen, entwischt aus meinem Körper, der vollgepumpt mit Leid war. Nur noch mein Geist und ein helles Licht. Wohlig warm mit der Molene von Didier Squiban untermalt. Ich liebte diesen Musiker. Mit einem Zucken, das durch meine Zehen fuhr, war der Schmerz wieder da. Laute Heavy Metal-Musik dröhnte in meinen Ohren. Unerträglich für mich. Dieser Art des Geschreies von zotteligen und ungepflegten Männern hatte ich noch nie was abgewinnen können. Es war brutal, kein anderes Wort hätte diese Situation besser verdeutlichen können.

Nach den Schreien folgte eine plötzliche Stille. Der Schmerz war wieder mit einem Male fort. Langsam öffnete ich meine Augen. Er stand vor mir. Mein Vater, der schon seit zehn Jahren tot war. Er hielt mir seine Hand hin und sagte: „Komm, Junge ich helfe dir hoch.“

Du bist schuld – Teil 88


Drei Jahre vor der Schuld
Berlin:
Tagebucheintrag von Ellie:

„Gegen das Vergessen“, so will es Rudi Assauer. Doch ich will endlich vergessen. Das Leid, die Trauer und meine eigene Unscheinbarkeit! Vor allem unsere Liebe, um endlich wieder atmen und ein neues Leben beginnen zu können. Ja, das ist es. Aber ich kann nicht. Ist es lächerliche Einbildung, oder hält mich die Magie der Liebe bei ihm? Wie durch ein unscheinbares Band scheinen wir trotz aller Streitigkeiten und Differenzen miteinander verbunden zu sein, schon immer, auch als wir jahrelang getrennt waren. Dabei haben wir von allem unterschiedliche Vorstellungen. Hatten wir nicht mal die gleichen Wünsche gehabt, oder war das nie real? Habe ich mir das nur eingebildet? Was ist das bei uns? Liebe und Hass, Hass und Liebe. Zwei Menschen, die sich nahestehen, die nicht mit- und auch nicht ohneeinander leben können? Magie, die einen beschützt und zugleich krank macht, einen durchzuckt vor Schmerz und dennoch immer wieder erheben lässt. Die mich festhält und zugleich den Wunsch weckt, nie wieder aufstehen zu müssen. Müde, kraftlos, zutiefst verletzt, gebrochen und schlaff hängt mein Körper an mir. Die inneren Gedärme nur noch da, um zu existieren, die kranke Seele am Leben zu halten. Lebenslos, luftlos, atemlos. Wer stört, wer berührt mein Herz, wer reißt es raus? Er! Doch warum tut er das? Seit wann tut er das? War er schon immer so? Habe ich es nur nicht wahrhaben wollen? Mein Bauch zieht sich zusammen, krümmt sich vor Schmerzen. Die Zeit vergeht. Das Leben hat kein Mitleid, hält nicht an, es vergeht und zieht mich mit durch. Es lebt mich wie einen Schleier. Ich werde gelebt, aber ich lebe nicht. Ellie, der passive Teil meines aktiven Lebens.

 

Du bist schuld – Teil 87


Sieben Tage nach der Schuld
Wangerooge:

Zwar sah er sie an, doch im Gegensatz zu ihr schien er sie wieder mal nicht zu bemerken. „Was machst du hier?!“, fauchte sie ihn an. Als er nicht reagierte, zischte sie ihn an: „Benno, so heißt du doch, oder? Musst du mich so erschrecken? Ich bin es leid, dass du mich immer so anstarrst. Und hör endlich auf, diese bescheuerten Warnungen auszusprechen. Also, wenn du was zu sagen hast, dann tue es jetzt, wie es erwachsene Menschen nun mal machen!“ Als hätte sie nichts gesagt, sah er weiter ungerührt durch sie hindurch. Doch anstatt ihr zu antworten, setzte er sich in Bewegung und ging langsamen Schrittes davon. Wütend ging sie in ihr Zimmer und knallte die Tür zu, so dass sie nicht mehr hören konnte, als er sagte: „Pass auf! Du darfst dich nicht vergessen!“

 

Du bist schuld – Teil 86


Drei Jahre vor der Schuld
Berlin:
Tagebucheintrag von Ellie:

Es geht nicht um fehlende Liebe. Die ist da. Sondern darum, wieder zufrieden, glücklich, leicht und befreit zu sein. Das bin ich einfach nicht mehr. Nichts ist mehr so, wie es mal war, vor Jahren … Alles ist schwer. Ich bin schwermütig. Keine Leichtigkeit, kein Frieden, keine Freude, keine Freiheit. Aber genau das bin doch eigentlich ich. Das war immer mein Lebenselixier. Daraus zog ich meine Energie. Das ist das, was ich brauche. Und ich will es wieder haben, denn sonst kann ich nichts mehr schaffen. Alles ist zu viel geworden. Der Job, Berlin, die Familie, die Beziehung, Freunde, einfach das Leben. Ich bin so überfordert. Alles ist nur noch düster und schwer und die dunklen Gedanken überwiegen. Keine Freude, kein Glück, nur noch Stress. Ich brauche Ruhe, ganz dringend Ruhe vor allen, die etwas von mir wollen. Der Fluss, ich will in den Tiefen des Flusses versinken, dem Frieden und der Ruhe so nah. Ganz tief versinken in seinen Armen. Mich endlich einmal geborgen, sorglos und friedvoll treiben lassen. Ihr alle müsst mich loslassen. Gebt mir bitte endlich meine Ruhe! Ich muss diese furchtbaren Dämonen abschütteln, um endlich wieder ICH zu sein. Gebt mich frei, ihr erdrückenden Gedanken! Lasst mich in Frieden! Ich brauche euch nicht, ich will euch nicht! FRIEDEN! BITTE!

Warum bloß kann ich dich nicht verlassen, Maurizio?